Agilität ist in aller Munde und zahlreiche Unternehmen treiben eine interne Digitalisierung um Attraktiv für Fachkräfte und Kunden zu bleiben. Auch in der Literatur findet sich eine intensive Debatte um die Rolle von Agilität im digitalen Wandel. Kernthema ist ein Henne-Ei Problem: Soll zuerst Agilität erhöht werden um zu digitalisieren oder erhöht sich die Agilität automatisch mit der Digitalisierung?

Debatte um Agilität im Kontext der Digitalisierung

Die Debatte um die Digitalisierung von Organisationen ist keineswegs neu und setzt nicht direkt an die agile Organisation an. Bereits 1985 untersuchte Bair die Veränderung von Organisationen aufgrund des sogenannten Personal Computers (PC) und forderte eine Debatte um die Digitalisierung von Organisationen, welche aber erst seit der Jahrtausendwende weitere nennenswerte und seit 2012 vermehrt Publikationen aufwies.

Zur Ausgestaltung dieser digitalen Organisation finden sich vorwiegend zwei Meinungen. Während Experten wie Arnold (2016) und Gloger (2016) glauben, dass durch eine höhere Agilität in Unternehmen die Digitalisierung vorangetrieben kann, sind u.a. Urbach & Ahlemann (2016) sowie Schrauzer (2016) der Meinung, dass die Digitalisierung der Wegbereiter für eine gesteigerte Agilität in Organisationen ist. Jedoch haben alle Debatten eine gesteigerte Agilität der Unternehmensorganisation als Ziel.

Agilität als Voraussetzung der Digitalisierung

Schrauzer (2016) greift diese These der Computerisierung auf und stellt fest, dass durch mobilere Hard- und Software eine flexiblere Reorganisation von Unternehmen möglich ist. Er zieht das Fazit, dass die Digitalisierung von Unternehmen Wegbereiter für neue und flexiblere Unternehmensformen ist. Urbach und Ahlemann (2016) konkretisieren diese und zeigen  die zunehmende Flexibilisierung von Organisationen. Voraussetzung ist laut diesem die Reorganisation der internen IT.  Anbei findet sich eine Abbildung wie solche Reorganisation stattfinden kann.

digitale agile organisationsentwicklung
Roadmap für eine digitale Organisationsentwicklung (eigene Darstellung nach der Idee von Urbach und Ahlemann 2016)

Mobile Technologie und Software kann eine ständige Reorganisation, freie Sitzplatzwahl und Konzepte wie Homeoffice, Remote oder mobile Arbeit ermöglichen. Auch verteilte Teams und eine viel freiere Arbeit sind möglich. Weswegen auch eine höhere Agilität in der Arbeit festgestellt werden kann.

Agilität als Folge der Digitalisierung

Im Gegensatz zu den aktuell genannten Quellen stellt Arnold (2016) fest, dass die Digitalisierung wie z.B. die geforderte IT-Reorganisation von Urbach und Ahlemann (2016) von Unternehmen disruptive Veränderungen fordern kann. Er glaubt, dass dies in einer klassischen/tayloristischen Organisation nicht umgesetzt werden kann und fordert agilere Strukturen. Er beschreibt das Beispiel der Haufe-umantis und empfiehlt dies mit Experimenten zu erproben und zu evaluieren, wie eine höhere Agilität erreicht werden kann. Ähnlich wie Arnold (2016) sieht auch Petry (2016) einen Paradigmawechsel in bestehenden Organisationen als einen „Baustein für nachhaltige Unternehmensführung in der digital Economy“. Er empfiehlt dazu Organisationen sich an die Vision der NewWork anzupassen: Arbeit wann, wie und wo du willst. So soll Mitarbeitern die maximale Freiheit in der Arbeitsausführung gegeben werden. Er stellt fest, dass die Flexibilisierung von Arbeit stark von mobiler Hard- und Software abhängt, allerdings vor Einführung dieser die notwendigen Neustrukturierungen getroffen werden sollten, da die Einführung von Technologie dadurch einfacher wird. Die folgende Abbildung zeigt die Vision der NewWork.

newwork
Die Vision der NewWork (eigene Darstellung nach der Idee von Petry 2016)

Es zeigt sich, dass die Einführung und Durchführung von Technologie komplex ist und auch entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um auch die Vision der NewWork zu verwirklichen. Jedoch sind diese laut der Autoren der eigentlich Knackpunkt. Also sollten zuerst diese Rahmen geschaffen werden. So sagt auch der Gewerkschaftsvorstand im 1. Roundtable: „Auch die Agilität braucht Richtlinien, um nicht im Chaos zu enden. Gemeint ist damit, dass wir letztendlich Rahmenbedingungen brauchen, um Agilität zu gestalten.“ Auch der Marketingmanager ergänzt, dass eine Selbstbestimmung der Arbeit eine wichtige Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung ist. Durch diese Selbstbestimmung kann laut des Marketingmanagers ein „kreatives Umfeld [mit] Regularien und Rahmenbedingungen [geschaffen werden], dass uns ermöglicht diese Flexibilität zu haben.“ So haben die Teilnehmer im 2. Roundtable ein Konzept zur Steigerung von Agilität in Unternehmen vorgestellt.

agile organisationsentwicklung
Agile Organisationsentwicklung – Ansatz aus dem Roundtable

Fazit

Ludwig et al. (2016) haben diese Debatte aufgegriffen und evaluiert. Ergebnis war, dass das Ziel der digitalen Organisation weiterhin die Humanisierung von Arbeit ist und eine menschenwürdige, flexible und sinnstiftende Arbeitsweise darstellen soll. Er sieht jedoch noch zahlreiche offene Spannungsfelder und noch keine bis wenig konkrete Umsetzungsszenarien für klassische KMU, welche sich noch vorwiegend in einer tayloristischen Organisation befinden und nun vor der Entscheidung stehen zuerst Technologie oder Agilität zu steigern.

Lesetipps

Natürlich muss diese Argumentation nicht für jedes Unternehmen stimmen und jeder Ansatz hat seine Berechtigung. Auch stellt mein Roundtable natürlich nur eine kleine und ausgewählte Gruppe der Unternehmer in Deutschland dar. Deswegen würde mich interessieren, was Sie glauben? Stimmen Sie im Poll ab! Abschließend wünsche ich mit diesem Post auch schöne Weihnachten und einen guten Rutsch und verabschiede mich bis Januar in den Urlaub.

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Verwendete Quellen anzeigen

H. Arnold, „Digitalisierung der Unternehmensführung,“ Führung + Organisation, no. 5, pp. 330–336, 2016.

J. H. Bair, Personal computers and the office of the future, Telematics and Informatics, no. 2, pp. 113–117, 1985.

B. Gloger, Scrum: Produkte zuverlässig und schnell entwickeln. München: Hanser Verlag, 2016.

T. Ludwig, C. Kotthaus, M. Stein, H. Durt, C. Kurz, J. Wenz, and V. Wulf, „Arbeiten im Mittelstand 4.0 – KMU im Spannungsfeld des digitalen Wandels,“ HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik, vol. 53, no. 1, pp. 71–86, 2016.

T. Petry, Digital Leadership: Erfolgreiches Führen in Zeiten der Digital Economy. München: Haufe Verlag, 2016.

S. Schrauzer, Computerisierung in der globalen Softwareentwicklung – Eine arbeitsmethodische Betrachtung, HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik, vol. 53, no. 1, pp. 42–53, 2016.

N. Urbach and F. Ahlemann, „Der Wissensarbeitsplatz der Zukunft: Trends, Herausforderungen und Implikationen für das strategische IT-Management,“ HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik, vol. 53, no. 1, pp. 16–28, 2016.

 

Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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