Agile Unternehmen sind in aller Munde. Doch was genau ist eigentlich agil? Und: Was bedeutet “agil” im Kontext von Unternehmen? Dazu möchte ich versuchen, eine erste Definition zu geben.

Was ist agil? Agile Unternehmen

In diesem Artikel gebe ich eine kurze Einleitung sowie eine schnelle Definition. Anschließend gehe ich etwas auf die Messbarkeit und die Dimensionen von Agilität ein.

Um Agilität dann genau zu definieren, habe ich zuerst einmal zahlreiche Bücher angeschaut und der Agilität diverse Eigenschaften zugewiesen. Anschließend liefere ich eine 2. Definition aus den typischen Praxisbüchern rund um Laloux, Gloger und Co.

Tipp: Diese Definition habe ich in einer akademischen Publikation bereits veröffentlicht, sodass diese für die weitere Verwendung einfach zitiert werden kann. (Lindner et al. 2017)

Eine schnelle Definition

Falls Sie nur grob eine Definition in einem Satz wollen, dann empfehle ich meine persönlich favorisierte Definition. Agilität ist (Lindner und Leyh 2018 und Termer 2016):

…die Fähigkeit der Informationsfunktion eines Unternehmens, Vorbereitungen zu treffen, um auf wechselnde Kapazitätsansprüche sowie veränderte funktionale Anforderungen sehr schnell, möglichst in Echtzeit, zu reagieren sowie die Möglichkeiten der Informationstechnologie derart nutzen zu können, dass der fachliche Spielraum des Unternehmens erweitert oder sogar neugestaltet werden kann.

Agilität als Fähigkeit, Fertigkeit und Verhalten

Sei es in der Praxisliteratur oder in der Akademie: Agilität wird immer als ein Verhalten, Fähigkeit oder Fertigkeit sowie ein Mindset beschrieben. Doch was bedeutet das? Mein Kollege Termer (2016) stellte die Unterschiede bereits dar:

Fähigkeit: Agilität wird begriffen als ein vorhandenes Potenzial eines Organismus, etwas tun zu können. Das Potenzial muss aber nicht genutzt werden.

Fertigkeit: Agilität bezeichnet das tatsächliche Können und das tatsächliche Anwenden von Fähigkeiten eines Organismus, das durch eine aktivierende Komponente hervorgerufen wird.

Verhalten: Agilität stellt eine Eigenleistung eines Organismus in Form von Aktionen dar, die auf die Umwelt gerichtet sind. Agilität wird durch Handlungen sichtbar.

Tipp: Schauen Sie gerne in das Buch von Termer.

Exkurs: Kann ich Agilität messen?

Oft versuchen Manager und Studenten bei Abschlussarbeiten Agilität im Unternehmen zu messen. Dies ist nur eingeschränkt möglich und kommt auf den Blickwinkel an. 

Sehen wir Agilität als Fähigkeit an, dann ist eine Bewertung nicht möglich. Agilität ist entweder vorhanden oder eben nicht. Sie wird eben genutzt. Beispiele von Fähigkeiten sind Auffassungsgabe und Durchsetzungsvermögen. Sie werden merken, dass man das entweder hat oder nicht. Messbar ist jedoch nur mithilfe von Bauchgefühl und kann damit kaum beeinflusst werden.

Sehen wir Agilität allerdings als eine Fertigkeit ist eine Messbarkeit anhand  objektiver Vergleichskriterien möglich, da Fertigkeiten aufgabenbezogen sind (Termer 2016). Das ist wie beim rad fahren, schwimmen oder sprinten. Sie können die Eleganz bewerten oder die Zeit für eine Wegstrecke messen. Dabei kann die Agilität trainiert werden und wird aufgrund eigener Motivation auch genutzt. Auch kann in dieser Betrachtung Agilität erlernt werden.

Agilität als Verhalten ist im Hinblick auf die Zielerreichung möglich. Beispiele sind vortragen, zuhören, freundlich sein und Aggression. Agilität wird dabei durch Reize ausgelösst. Sie soll durch gewisse Emotionen eine Situation in eine Richtung (Ziel) lenken. Z.b. wollen Sie durch anschreien den Gegenüber einschüchtern und von Ihrer Meinung überzeugen. Sie können also anhand der Zielerreichung die Agilität messen.

Definition aus der Akademie

Agilität ist im Kontext von Unternehmen nicht eindeutig definiert. In nahezu jedem Paper findet man eine neue Definition. Aus diesem Grund habe ich die meist zitierten Veröffentlichungen gesucht und nach Aspekten untersucht, welche diese mit Agilität verbinden. Insgesamt konnten 7 Aspekte gefunden werden, die einstimmig in allen 10 Publikationen genannt worden sind.

  • Schnelligkeit
  • Anpassung
  • Flexibilität
  • Dynamik
  • Vernetzung
  • Vertrauen
  • Selbstorganisation

Die Eigenschaft Schnelligkeit wird in allen 10 Publikationen in Verbindung mit Agilität genannt. So weisen u.a. Lu und Ramanurthy (2011) Agilität eine schnelle Reaktion auf Veränderung, sowie eine schnelle Implementierung von Produkten oder Services mit einer schnellen Änderbarkeit zu.

Eine weitere Eigenschaft von Agilität ist Flexibilität. So beschreiben Nissen und Rennenkampf (2013) Agilität mit einer sogenannten Personalflexibilität im Sinne gut ausgebildeter und vielfältig einsetzbarer IT-Mitarbeiter, welche die Reaktion unvorhergesehener Änderungen begünstigen. Sambamurthy et al. (2003) sehen außerdem die Umsetzung von änderbaren und flexiblen Lösungen als eine Charakteristik von Agilität.

Agilität ist laut Termer (2016) die Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Rahmenbedingungen und neue Marktsituationen. Laut Nissen und Rennenkampf (2013) ist vor allem die kontinuierliche Verbesserung und Flexibilität, welche Agilität bietet, Grundlage für diese ausgeprägte Anpassungsfähigkeit.

Weiterhin wird Dynamik im Zuge von Agilität genannt. “Agilität stellt das Nutzen einer gewissen Form von Beweglichkeit dar” (Termer und Nissen 2015). Bewegung im Kontext von Agilität heißt laut Termer und Nissen (2015), dass sich die Stellung eines Menschen im Bezug zu seiner Umgebung im Laufe der Zeit verändert. Agilität bedeutet, diese Beweglichkeit aus einem eigenen Antrieb heraus zu schaffen, in der Regel sogar bevor eine Situation oder ein Geschehen diese Beweglichkeit notwendig bzw. erforderlich macht, so Termer und Nissen (2015).

Agilität benötigt eine ausgeprägte Kommunikation in einem Netzwerk aus Individuen (Appelo 2010). Aus diesem Grund misst Appelo (2010) Agilität zudem eine hohe Vernetzung zu, da Eigenschaften wie Flexibilität und Vertrauen auf der Beziehung und der Kommunikation zwischen Individuen aufbauen.

Umgekehrt basiert Vernetzung auch auf Vertrauen. Dies begründet Termer (2016) daraus, dass flache Hierarchien und autonome Arbeitsgruppen mit kurzen Entscheidungswegen durch Kreativitätsförderung und einer auf Vertrauen basierenden Kultur etabliert werden müssen.

Selbstorganisation spielt im Kontext von Agilität ebenfalls eine Rolle. Nach Gloger und Rößner (2015) ist Selbstorganisation ein gelenkter und intensiver Lernprozess. Selbstorganisation im Kontext von Agilität ist ebenfalls komplex, menschenorientiert und ein autonom gelenkter und intensiver Lernprozess.

Definition aus Praxisbüchern

Was ist agil? Laut dem Duden bedeutet agil: beweglich, regsam und wendig. Laut Gloger und Margetich (2014, S. 5) ist Agilität eine Haltung, also ein Verhalten und orientiert sich am agilen Manifest:

  • Individuen und Interaktionen statt Prozesse und Werkzeuge
  • funktionierende Software statt umfassende Dokumentation
  • mehr Zusammenarbeit mit dem Kunden statt Vertragsverhandlungen
  • Reagieren auf Veränderungen statt bloßes Befolgen eines Plans

Im Zuge des Blogs, beziehe ich Agilität auf die gesamte Organisation und orientiere mich an den Prinzipien von Agilität nach Brandes (2015, S. 6):

  • Liefern was gebraucht wird
  • Kunden wirklich verstehen
  • Organisationen gemeinsam beleben
  • Menschen ehrlich begeistern
  • Neue Blickwinkel eröffnen neue Ansichten

… sowie an den Prinzipien des agilen Managements (Appelo 2010, S. 11):

  • Selbstorganisation
  • Einfachheit
  • Entscheidungen durch das Team
  • Transparenz

Agilität ist zusammenfassend eine Mischung aus Prinzipien und deswegen ein Verhalten (Gloger & Rösner, S. 87).

Lestipp: Schauen Sie doch auch mal in das Buch von Brandes und Appelo.

Weitere Definition

Roberston (2015, S. 4ff) definiert eine agile Organisation als “eine sich entwickelnde Organisation” – also als Unternehmen, welches sich mit aktuellen Gegebenheiten verändert.

Laloux (2015, S. 43f) definiert eine agile Organisation als eine Evolution des Bewusstseins hin zu komplexen, verfeinerten Verhaltensweisen und Beziehungsformen. Diese Organisationen unterliegen einer ständigen Veränderung, indem sie auf Stärken aufbauen, mit Widrigkeiten umgehen, Weisheit jenseits von Rationalität zeigen und nach Ganzheit streben – also eine entsprechende Weitsicht und Veränderungsbereitschaft haben (Laloux 2015, S. 51). Zusammenfassend bezeichnet Laloux (2015, S. 53) diese als selbstführende und sich verändernde Systeme.

Lesetipp: Werfen Sie doch mal einen Blick in das Buch von Laloux oder in das Buch von Robertson.

Und wann soll ich agil sein?

Die Stacey Matrix unten zeigt, wann agile Methoden angewandt werden sollten. So sind bei einfachen Aufgaben wie Routine-Aufgaben oder immer wiederkehrenden Aufgaben agile Methoden oftmals nicht sinnvoll. Komplizierte Dinge sind verstehbare Probleme und die Anforderungen an dieser Stelle oft noch recht klar. Chaotisch oder komplex wird es, sobald Anforderungen und oder Methodik zunehmend nebulös werden und man mit vielen Unbekannten rechnen muss. Dann kommt die Zeit der agilen Methoden.

agil wann
Stacey Matrix zur Bestimmung von agilen Methoden (Quelle: Appelo)

Fazit: agile Unternehmen!

Es ist zu bemerken, dass die Definition noch nicht eindeutig ist und wir demnach noch keine klare Antwort auf die Frage: “Was ist agil?” liefern können. Es ist ebenfalls unklar, welches Rahmenwerk für Agilität eigentlich nun wirklich zur Definition von evolutionären und agilen Unternehmen passt. Ein Ansatz könnten demokratische, holokratische oder soziokratische Unternehmen sein. Doch welches der drei Modelle wirklich evolutionär und agil ist, ist weiterhin nicht klar. Im Verlauf der Forschung, werde ich alle drei Formen untersuchen und einen ersten Ansatz für eine eindeutige Definition publizieren. Hierzu werde ich diverse Fallstudien in Unternehmen durchführen.

Genderhinweis: Ich habe zur leichteren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. Sofern keine explizite Unterscheidung getroffen wird, sind daher stets sowohl Frauen als auch Männer gemeint. Lesen Sie mehr dazu.

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Verwendete Quellen anzeigen

http://www.duden.de/rechtschreibung/agil

http://www.duden.de/rechtschreibung/evolutionaer

Lindner, D., & Leyh, C. (2018). Organizations in Transformation: Agility as Consequence or Prerequisite of Digitization? BT  – Business Information Systems. In W. Abramowicz & A. Paschke (Eds.) (pp. 86–101). Cham: Springer International Publishing.

Gloger, B., & Margetich, J. (2014). Das Scrum Prinzip. Stuttgart: Poeschel Verlag.

Laloux, F. (2015). Reinventing Organisations. München: Vahlen Verlag.

Robertson, B. (2015). Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World. New York: Macmillan USA.

Appelo, J. (2010). Management 3.0: Leading Agile Developers, Developing Agile Leaders. Boston: Addison-Wesley Professional.

Frank, T., & Nissen, V. (2014). Zum Begriff der Agilität – Betrachtungen und Implikationen aus etymologischer Perspektive.

Gloger, B., & Rösner, D. (2014). Selbstorganisation braucht Führung. München: Hanser Verlag.

Lu, Y., & Ramamurthy, K. R. (2011). Understanding the link between information technology capability and organizational agility: an empirical examination. MIS Quarterly, 35(4), 931–954.

Meyer, B. (2014). Agile ! The Good, the Hype and the Ugly. Berlin, Heidelberg: Springer.

Nissen, V., & Rennenkampff, A. (2013). IT-Agilität als strategische Ressource im Wettbewerb. In CIO Handbuch (pp. 1–34). Kissing: Symposion Publishing.

Rennenkampff, A. von. (2015). Management von IT-Agilität – Entwicklung eines Kennzahlensystems zur Messung der Agilität von Anwendungslandschaften.

Sambamurthy, V., Bhardadway, A., & Grover, V. (2002). Shaping Agility through Digital Options: Reconceptualizing the Role of Information Technology in Contemporary Firms. MIS Quarterly, 26(1), 1–14. http://doi.org/10.2307/4132321

Termer, F. (2016). Determinanten der IT-Agilität. Wiesbaden: Springer. http://doi.org/10.1007/978-3-658-14215-5

Zhang, Z., & Sharifi, H. (2000). A methodology for achieving agility in manufacturing organizations. International Journal of Operations & Production Management, 20(4), 496–512. http://doi.org/10.1108/01443570010314818

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Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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