Die Etablierung von Arbeit 4.0 und agilen Methoden haben weitgehende Einflüsse auf Mitarbeiter in vielerlei Hinsicht. Eine davon ist die Gesundheit von Mitarbeitern. Doch wie zeigen sich diese Auswirkungen konkret? Ich möchte dazu vier Beispiele geben und diese diskutieren.

Mehr Lebenszufriedenheit durch Work-Life Balance

Ein aktuell viel diskutiertes Schlagwort ist Work-Life Balance. Schon eine Studie von Universum zeigt, dass eine ausgeglichene Work-Life-Balance für zwei Drittel der Young Professionals das wichtigste Karriereziel ist. Doch was bedeutet Work-Life Balance konkret?

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Work-Life Balance meint die flexible Auflösung von Arbeitsort und Arbeitszeit in einer flexiblen Struktur.

Bei Work-Life Balance denke ich an Modelle wie Gleitzeit, Homeoffice und mobile Arbeit z.B. im Café um die Ecke. Doch ist das schon alles? Dazu habe ich verschiedene Roundtable durchgeführt. Dabei meinte der Vorstand einer der größten deutschen Gewerkschaften, dass man Work-Life Balance am Arbeitsort und der Arbeitszeit festmachen kann.

Noch vor wenigen Jahren wurde die Freizeit um den Beruf geplant. Mit Work-Life Balance scheint sich diese Aussage vollkommen umzudrehen. So sagt der Vorstand der Gewerkschaft in einen meiner Roundtables zu moderner Arbeit:

„Wir haben die Betriebsvereinbarung geschaffen, dass Arbeitszeit von jedem Ort aus, also theoretisch auch vom Schwimmbad aus, dann anerkannt wird. Man dokumentiert es. Man kann von jedem Ort aus arbeiten.“

Zitat aus den Roundtable von Dominic Lindner eines Vorstands der Gewerkschaft

Nun bleibt offen, wie sich eine Work-Life Balance auf die Gesundheit auswirken kann. Wer ständig arbeitet, vernachlässigt Privatleben und soziale Kontakte. Man leidet an Überforderung und innerer Unruhe. Wird dieses Ungleichgewicht jedoch zum Dauerzustand kann dies zu psychischen Erkrankungen wie Schwindel, Burnout oder Tinnitus führen.

Lesetipp: Was ist Arbeit 4.0

Mehr Bewegung durch neue Bürokonzepte

Ein weiteres Konzept ist das sogenannte aktivitätsbasierte Arbeiten. Es geht darum für jede Tätigkeit des Mitarbeiters spezielle Räume bzw. Arbeitsumgebungen zu schaffen. Die folgende Abbildung zeigt dazu ein Beispiel meines aktuellen Arbeitgebers. Wir haben für jede Form der Arbeit eine spezielle Umgebung geschaffen.

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Aktivitätsbasiertes Arbeiten – für jede Tätigkeit gibt es einen Arbeitsort

Die Grundidee sind situationsorientierte Räume, die sowohl für Routinearbeiten als auch für kreative Aufgaben und Projektarbeiten geeignet sind. Somit zeigt der Begriff die „Ausgestaltung der Raumgestaltung auf die Aktivitäten der Mitarbeiter“. Berühmte Beispiele finden sich bei Unternehmen mit großen Campusbauten wie Datev, Adidas und der deutschen Telekom. In meinem Roundtable war eine Managerin anwesend, welche in einem solchen neuen Bürogebäude arbeitet und sagte dazu:

„Jeder Tisch steht zur Verfügung, es wird nicht vorher gebucht, weil letztendlich macht es das System noch komplexer, wenn ich mir jetzt jeden Abend noch überlegen müsste: Wo sitze ich morgen? Das würde einfach zu viel Aufwand sein. Und so ist jeder Arbeitsplatz im Prinzip für jeden frei. Ich kann mich hinsetzen, wo ich möchte.“

Zitat aus den Roundtable von Dominic Lindner einer Managerin eines Sportartikelherstellers

Doch wie ist die Auswirkung auf die Gesundheit? Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass ein sesshafter Lebensstil große Gesundheitsrisiken birgt. Nebenwirkungen sind Rücken- oder Nackenschmerzen. Bis zu 12 Stunden sitzt der typische Büromitarbeiter täglich. Auch leidet bei dauerhafter gleicher Arbeitsumgebung (z.B. der Schreibtisch) die Kreativität der Mitarbeiter.

Mithilfe dieses neuen Arbeitskonzepts wird Kreativität durch einen Ortswechsel sowie Bewegung gefördert. Meine Erfahrung ist, dass der Mitarbeiter in der Regel alle 2 Stunden in dieser neuen Arbeitsumgebung den Arbeitsort wechseln und somit die Belastung durch sitzen massiv reduziert.

Lesetipp: Future Work

Weniger Burn-Out oder Bore-Out durch agile Methoden

Strenge Richtlinien, Monotomie und Machtlosigkeit am Arbeitsplatz führen zu Erkrankungen wie Burn-Out oder Bore-Out. Während Bore-Out die Unterforderung durch monotone und langweilige Aufgaben meint, ist Burn-Out das Gegenteil: die Überforderung durch zu viele Aufgaben. Die folgende Abbildung zeigt eine solche kleinteilige Arbeit, in welcher jeder Mitarbeiter täglich die gleiche Tätigkeit ausübt.

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Arbeitsteilung in der klassischen Organisation

Agile Methoden wie Scrum sorgen durch einen Backlog (Aufgabenliste) dafür, dass Mitarbeiter eine abwechslungsreiche Arbeit haben. Aufgaben werden nicht zugewiesen, da die Mitarbeiter diese aus einem Aufgabenbacklog ziehen und Selbstständig erledigen.

In meinen Roundtables wurden agile Methoden ebenfalls diskutiert und der Vorstand der Gewerkschaft hat erste Studien dazu durchgeführt. Sein erstes Fazit ist:

Unsere Arbeitnehmerbefragung zeigt, dass agile Methoden gut für die Beschäftigten sind. Strenge Prozesse und Richtlinien führen zu Unzufriedenheit und Stress.

Zitat aus den Roundtable von Dominic Lindner eines Vorstands der Gewerkschaft

Strenge Prozesse und Richtlinien führen i.d.R. zu den beiden Erkrankungen Bore-out und Burn-down. Die Symptome sind recht gleich: Lustlosigkeit, Übellaunigkeit, Gereiztheit, permanente Müdigkeit, Mattigkeit, Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Weitere Folge sind schwerwiegende Erkrankungen wie Schwindel, Tinnitus, Magenbeschwerden und Kopfschmerzen.

Lesetipp: Scrum in Konzernen

Risiko von Reizüberflutung durch Technologie

Reizüberflutung ist eine umgangssprachliche Metapher für einen angenommenen Zustand des Körpers, in dem dieser durch die Sinne so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden können und beim Betroffenen zu einer psychischen Überforderung führen.” (Quelle Wikipedia).

Doch wie wirkt sich eine solche Reizüberflutung aus und warum ist diese im digitalen Zeitalter relevant? Dazu sagte einer meiner Teilnehmer im Roundtable:

„Ich komme morgens ins Büro und habe gleich 40 ungelesene Mails. Gleichzeitig, wenn ich diese beantworte, erhalte ich über Skype, HipChat etc. noch weitere Nachrichten.“

Zitat aus den Roundtable von Dominic Lindner eines Managers aus der Textilbranche

Es geht also darum, dass viele Nachrichten und Eindrücke auf die Mitarbeiter einwirken und es findet eine starke psychische Belastung durch die Technologie statt. Konsequenzen sind, dass der Körper sich kaum noch erholt. Wie die Abbildung zeigt, kommunizieren Mitarbeiter vermehrt digital.

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Mitarbeiter sind von digitalen Technologien umgeben (Bild aus der Studie von Lindner und Greff 2018)

Eine Studie der Hans Böckler Stiftung zeigt, dass je größer der
Technostress, desto schlechter ist auch die psychische Gesundheit. Konsequenzen sind: Unzufriedenheit, Überforderung, Reizbarkeit und Unzuverlässig, welche zu dauerhaftem Stress führen. Die Auswirkungen, die Stress hat, sind von Mensch zu Mensch verschieden aber in jedem Fall gesundheitsschädlich. Konsequenzen sind schwerwiegende Krankheiten.

Lesetipp: Nachteile in der Digitalisierung am Arbeitsplatz

Risiko der Überforderung durch Selbstorganisation

Ein weiteres Risiko ist, dass Homeoffice und Work-Life Balance ebenfalls erhöhte Anforderungen an Mitarbeiter stellen. Hat vorher noch eine Führungskraft Aufgabenverteilung und Kernarbeitszeit geplant, muss der Mitarbeiter dies heute selbst tun. So sagte eine Managerin dazu im Roundtable:

Nicht jeder möchte sich selbst organisieren und kreativ sein. Manche möchten einfach eine Arbeitsanweisung und dann nach Hause gehen.

Zitat aus den Roundtable von Dominic Lindner einer Managerin aus der Pharmabranche

Das Fazit ist, dass nicht jeder Mitarbeiter vollkommen digital und agil arbeiten will, da die erhöhte Selbstorganisation nicht immer gewünscht ist. Es sollte deswegen für jeden Mitarbeiter individuell bewertet werden. Eine dauerhafte Überforderung am Arbeitsplatz führt zu Stress, Demotivation, Trauer, Sorgen und Verspannungen. Die Arbeit macht keinen Spaß mehr, sondern wird mehr und mehr zur Überforderung. 

Lesetipp: Achtsamkeit in der Digitalisierung

Fazit

Im Beitrag werden Untersuchungen zu agilen Methoden, neuer Bürokonzepte, Remote Arbeit und Technologie in Unternehmen gegeben. Die theoretischen Erkenntnisse werden anschließend durch ein Praxisbeispiel veranschaulicht und Implikationen für die Gesundheit von Mitarbeitern gegeben. Zusammenfassend sind die Implikationen:

  • Work-Life Balance kann die Gesundheit von Mitarbeitern fördern und Motivation stärken.
  • Strenge Prozesse und Richtlinien führen zu Stress und Frust, was durch agile Methoden verhindert werden kann.
  • Neue Bürokonzepte sind eine gute Möglichkeit gegen langes Sitzen und fördern die Kreativität.
  • Neue Bürokonzepte fordern eine höhere Selbstorganisation von Mitarbeitern und nicht jeder hat darauf Lust.
  • Digitale Arbeit kann Reizüberflutung und Technostress fördern.

Tipp: Ich halte zu diesem Thema auch Vorträge.

Bildquelle: Hintergrund Foto erstellt von senivpetro – de.freepik.com

Genderhinweis: Ich habe zur leichteren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. Sofern keine explizite Unterscheidung getroffen wird, sind daher stets sowohl Frauen als auch Männer sowie Menschen jeder Herkunft und Nation gemeint. Lesen Sie mehr dazu.

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Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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