“Bürotätigkeit in deutschen Konzernen wird inzwischen wie Fabrikarbeit organisiert. Monotonie im Dienste der Effizienz”, so die Brand Eins in der Ausgabe “Neue Arbeit“. Das „Lean Office“, das schlanke Büro, hat Einzug gehalten in Deutschland, so das Magazin weiter. Über diese neue #Bürofabrik habe ich eingehend recherchiert, geschaut, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und überlegt, ob dies wirklich die Gefahren der “Digitalisierung der Arbeitswelt” sind.

Digitalisierung der Arbeitswelt – die #Bürofabrik

Die Digitalisierung der Arbeitswelt birgt neben vielen Chancen also auch Risiken. So möchte ich im Folgenden einige Beispiele darlegen, welche verdeutlichen, dass das Büro zu einer kleinen Fabrik mit höchster Effizienz  werden kann.

Umgang mit Lowperformer
Monotonie im Sinne der Effizienz – Risiko des LeanOffice

Das Lean Office…

Schon die IG-Metall sagt: Die neue Welle erfasst die Bürowelt. Lean office – schlankes Büro – heißt das Zauberwort, das Arbeit effektiver machen soll. Weil das Konzept neben Chancen auch viele Risiken birgt, ist es wichtig, dass Betriebsräte kritisch dabei sind. So werden also auch in der Wissensarbeit die Konzepte aus der Produktion eingeführt. Das folgende Zitat verdeutlicht potentielle Folgen:

„Bei uns ist die ganze Verwaltung betroffen. Die Personalabteilungen, der Einkauf, die Buchhaltung. Da fallen Arbeitsschritte raus, die Arbeit wird kleinteiliger, man verliert den Überblick über das große Ganze. Das hat auch Auswirkungen auf die Bezahlung. Je einfacher der Job ist, desto weniger wird bezahlt. Bei uns werden inzwischen etwa die Zeugnisse zentral geschrieben. Früher hat das die Personalabteilung vor Ort gemacht. Jetzt gibt es Leute, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Zeugnisse zu schreiben. Vorher geben Führungskräfte online ein paar Infos ein, wie der Mitarbeiter so war. Und dann werden Textbausteine zusammengeschustert. Dabei kennen sie die Leute überhaupt nicht.“ — Eine Sachbearbeiterin bei Siemens in der BrandEins.

Auch die IG-Metall stellt hier einige Fälle mit Problemen fest: Alles ist standardisiert: Namensschilder, das Postein- und -ausgangskonzept, einheitliche Etiketten für Ordner, aufgeräumte Schubladen und Nutzung von Rollcontainern. Es gibt eine Auflistung, was zur Grund- und Zusatzausstattung eines Schreibtisches gehört, persönliche Gegenstände sind nur noch im geringen Maße erlaubt.

Wenn Transparenz eskaliert…

Auch Transparenz kann eskalieren: Wenn Führungskräfte zu Retrospektiven einladen und durch digitale Technologien alles überwachen können, ist Vorsicht geboten. Sonst könnte eine eventuelle Überoptimierung sogar negativ für das Unternehmen sein.

„Wir treffen uns jetzt jeden Morgen an einem Whiteboard und müssen berichten, ob jemand einen Arbeitsunfall hatte – ob sich jemand den Daumen in der Schublade geklemmt, den Finger am Papier geschnitten hat oder über seinen Bürostuhl gefallen ist. Wie in der Produktionshalle ist das. Und wir haben noch eine verschärfte Form, da werden dann Beinahe-Unfälle berichtet. Also Sachen, die zu einem Arbeitsunfall hätten führen können. Und das im Büro. Ich meine, was soll hier schon passieren?“ — Eine Sachbearbeiterin in der Verwaltung bei Pentair in der Brand Eins

Wenn Scrum nicht der Agilität dient…

Scrum ist eine agile Methode, welche auf dem agilen Manifest basiert und den Kunden eine höhere Wertschöpfung bringen kann sowie die Arbeitszufriedenheit der Belegschaft erhöht. So jedenfalls die Theorie. Doch Scrum kann durch eine falsche Anwendung auch zu Frust, Demotivation sowie zur Ausübung starker Kontrolle führen.

„Noch vor fünf Jahren waren wir Programmierer relativ eigenständig. Heute wird unsere Arbeit in kleine Features aufgeteilt, die man relativ schnell fertig hat. Es gibt diese Treffen, wo man sich morgens einmal zusammenstellen muss und sagt, was man am Vortag gemacht hat. Das ist wie im Kindergarten der Stuhlkreis, nur für Erwachsene. Das war ja auch ein Ausdruck des Vertrauens, dass man mir eine komplexe Aufgabe gibt und mich damit erst mal allein lässt. Jetzt wird dieses Kontrollnetz über uns gelegt. Und diese kleinen Aufgaben arbeitet man in ein, zwei Tagen ab, und dann gibt es die nächste. Und so weiter und weiter und weiter.“ Ein Programmierer bei SAP in der BrandEins

Verwaltungsbereiche: “Arbeit am digitalen Fließband“……

In der Studie der Hans Böckler Stiftung werden speziell Verwaltungsbereiche untersucht und gesagt: “In den Verwaltungsbereichen äußert sich der grundlegende Umbruch in erster Linie in Standardisierung und Prozessorientierung”. So zeigt folgendes Zitat aus der Studie ebenfalls die Situation gut auf:

„Wir arbeiten hier nur noch mit Zahlen.“ Digitale Workflows und Prozesse bestimmen den Arbeitsablauf, geben die einzelnen Arbeitsschritte oftmals minutiös vor und strukturieren die Arbeitsteilung und die Zusammenarbeit mit Kollegen entlang der Wertschöpfungskette. Der digitalisierte Arbeitsgegenstand „fließt“ so von Arbeitsschritt zu Arbeitsschritt wie an einem „digitalen Fließband” (Auszug aus der Studie)

Es wird also von einem digitalen Fließband geredet, welches einfach abzuarbeiten ist und die Mitarbeiter zunehmend frustriert. Dies ist sicherlich kein Ziel eines digitalen Wandels. So sagt die Studie am Ende zusammenfassend: Der hier skizzierte Umbruch der Kopfarbeit in der digitalen Transformation verbindet sich mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen – die von einer zunehmend „ausgebrannten Arbeitswelt“.

Digitalisierung-am-arbeitsplatz-gefahren
Effizienz durch Monotonie: Die Arbeit wird in viele kleine Schritte zerteilt, welche jeder Angestellte dauerhaft durchführt (eigene Darstellung).

Consulting und Leiharbeit im Fokus der Digitalisierung

Besonders in meinen Artikel zu Consulting 4.0 habe ich erste Worte zu einer Änderung des Beratungsgeschäfts verloren. So unterstehen Berater und Leiharbeiter meist noch nicht den Verordnungen und können sozusagen “anders” behandelt werden. Auch ich höre oft von Beratern Sätze wie: “Wir werden nach Userstories abgerechnet”, “pro Ticket darf ich mir 15 min aufschreiben” oder “Wenn das ginge, würden die uns Programmierer nach gedrückten Tasten abrechnen. Glaube die arbeiten sogar dran”. Die vollkommene Transparenz des digitalen Wandels kann in solchen Fällen also besonders die externen Mitarbeiter treffen. Dies ist jedoch vor allem den oft hohen Kostendruck in der IT-Dienstleistung geschuldet.

Fazit: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein

Am Ende fasst es Brand Eins gut zusammen: Tatsächlich ist das, was derzeit in deutschen Büros geschieht, nicht ganz neu. In den Zwanzigerjahren wurden Büros bereits einmal nach dem Vorbild der tayloristischen Fabriken umgestaltet. Die Aufgaben wurden in kleine Schritte zerlegt. Es gab Angestellte, die den ganzen Tag nur Briefe öffneten, nur tippten, nur archivierten oder die als Kuriere nur Unterlagen von einem Schreibtisch zum anderen brachten. Die Standardisierung machte es einfach, die Leistung der Angestellten zu messen und zu vergleichen: Man musste nur prüfen, wie viele Briefe jemand geschrieben, wie viele Unterlagen er archiviert oder wie viele Botengänge er hinter sich hatte.

Auch die Studie der Hans Böckler Stiftung mahnt: Zugespitzt formuliert, befindet sich die Entwicklung an einem Scheideweg: Auf der einen Seite stehen Konzepte, in denen auch Kopfarbeit „wie am Fließband“ organisiert werden soll; auf der anderen Seite stehen Modelle, die vor allem auf ein Empowerment der Teams und eine Verbesserung von kollektiven Lern- und Innovationsprozessen setzen.

In diesem Artikel habe ich absichtlich über die negativen Aspekte der Digitalisierung der Arbeitswelt gesprochen. Lesen Sie deswegen auch meinen Artikel zu den Chancen der digitalen Arbeitswelt. Denn es ist nicht alles nur schlecht oder nur gut. Was denken Sie zum Thema? Sagen Sie es mir in der kleinen Umfrage:

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Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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