Es ist soweit: Sie möchten Ihr Studium beenden und ein Thema für die Bachelorarbeit oder Masterarbeit finden. In letzter Zeit erreichen mich vermehrt Anfragen von Studenten, welche ein Thema für eine Masterarbeit oder Bachelorarbeit suchen. Ich möchte deswegen in diesem Artikel einige Handlungsempfehlungen für Wirtschaftswissenschaften- und Wirtschaftsinformatik-Studierende geben.

Unterschied Akademie und Praxis

Oft denkt man sich: “Thema XX ist spannend – das will ich machen”. Doch in der Praxis und der Akademie gibt es einen gravierenden Unterschied. Für einen Praxisartikel sucht man sich gerne einfach irgendein Thema, was spannend ist und schreibt darüber. Man fasst aktuelle Informationen zusammen und gibt ein wohldosiert die eigene Meinung hinzu. Der Artikel sollte gut lesbar sein, Praxisnah und eine Guideline geben.

Thema für Bachelorarbeit finden
Bauen Sie immer auf den aktuellen Wissensstand auf und erweitern Sie diesem! (eigene Abbildung)

In der Akademie ist jedoch anders: Hier geht darum, das aktuelle Wissen zusammenzufassen und darauf aufzubauen! Ziel ist es, zu beobachten und zu hinterfragen. Aus diesem Grund ist es nicht sinnvoll, selbst zu Brainstormen, sondern sich nur grob einen Themenbereich zu suchen, welchen man spannend findet und auf dem aktuellen Wissensstand aufzubauen.

Auf den Schultern von Riesen! (Google Scholar)

Es gilt auf andere Forscher aufzubauen und einen fortlaufenden Dialog zu führen. Sie müssen sich das so vorstellen: Zum Thema Agilität gibt einen Biertisch an welchem mehrere Autoren sitzen und seit Jahren darüber debatieren. Ab und zu steht mal einer auf und ab und zu setzt sich mal jemand hin. Nun setzen Sie sich hin und was tun Sie? Sie hören erstmal der Diskussion zu und fassen diese zusammen (Literaturanalyse). Anschließend sagen Sie selbst etwa dazu (Forschung).

Ein Beispiel: Wir reden seit vielen Jahren über Führung. Auch hier gibt es einen fortlaufenden Dialog. Erst waren es Forschungen zu Stammesführern und der Mafia, dann zu Führung in der Industrie, anschließend Forschungen dazu, wie die Führung von Wissensarbeit sowie agile Führung aussehen können. Und nun reden wir über digitale Führung und die Führung von virtuellen Teams. Es ist also immer irgendwie in einem fortlaufenden Dialog weitergegangen.

Thema für Bachelor- und Masterarbeit finden – wie gehe ich vor?

Nun stellt sich die Frage: “Wie soll ich dann ein Thema für meine Bachelorarbeit oder Masterarbeit finden?” Im Folgenden erkläre ich die Vorgehensweise, die sich grundlegend für die Themensuche empfiehlt. Es ist eigentlich ein recht einfacher Prozess. Sollten Sie eine Arbeit gemeinsam mit einem Unternehmen schreiben, dann finden Sie am Ende des Artikels noch einige zusätzliche Tipps für eine Praxisarbeit.

Thema für Masterarbeit finden
Die Suche nach einem Thema ist ein systematischer Prozess (eigene Abbildung)

Literatur finden – was ist akademisch?

Der Betreuer wird Ihnen wohl gesagt haben, dass Sie akademische Literatur verwenden sollen. Doch was ist akademisch? Der VHB-JOURQUAL3 ist ein Ranking von betriebswirtschaftlich relevanten Zeitschriften auf der Grundlage von Urteilen der VHB-Mitglieder. Bald sollte auch das VHB4 kommen.

Über 1.100 Mitglieder des VHB haben in den letzten Monaten insgesamt 64.113 Bewertungen von Zeitschriften vorgenommen. Von den 934 Zeitschriften, die zur Bewertung standen, haben 651 Zeitschriften die Schwelle von 25 Bewertungen überschritten und ein Rating erhalten.

Alles was Sie in diesen Zeitschriften finden ist akademisch und kann verwendet werden. Diese sind gegliedert nach A,B,C,D. Grundlegend gilt: je näher an A desto besser aber auch ein gutes D-Journal kann Mehrwert bringen! D-Journale bezeichnen sich oft als Schnittstelle zwischen Akademie und Praxis. Hier schreiben also Akademiker für Praktiker. Im C-Level schreiben dagegen Akademiker für Akademiker. Meist sind diese jedoch nicht international, sondern eher national bekannt. B-Journale sind international und stets auf Englisch – A hingegen die tatsächlichen Top-Journale eines jeweiligen Bereichs. Zudem gibt es auch diverse A+ Journale. Ein Beitrag für so ein A-Journal dauert oft 3 Jahre. Es ist also eine Menge Arbeit nötig.

Wissenschaftliche Datenbanken

Die akademische Literatur befindet sich verteilt in diversen Datenbanken. In diesen Datenbanken wird in der Regel nur Literatur aus dem Journal, oder aber hochwertige Forschung zugelassen. Gesucht wird in hier mit einen Suchstring, welcher sich aus Keywords zusammensetzt. Geben Sie z.B. mal in Emerald für eine Suche zum digitalen Arbeitsplatz “digi* AND (workplace OR “knowledge work”) AND (mobil* OR individu* OR agil*)” oder bei ScienceDirekt “tak(digi*) AND tak(workplace OR “knowledge work”) AND tak(mobil* OR individu* OR agil*)” ein. Die bekannten Datenbanken sind u.a:

  • EBSCO (ASC, BSC, EconLIT)
  • ScienceDirect
  • Emerald
  • Web of Science
  • ACM
  • AISel
  • EconBiz
  • IEEE
  • ProQuest
  • Springerlink

Die Mutterpaper

Nun suchen Sie mit einem Suchstring und schauen sich die Ergebnisse an. Sie werden am Ende 3-5 sehr gute Paper finden. Ich nenne Sie gerne Mutterpaper (habe den Begriff von Frau Dr. Carolin Durst in einem Seminar gelernt und er hat mir sehr gefallen). Dies Sind Paper, welche genau tun, was Sie auch tun wollen. Ich habe 5 für meine Doktorarbeit, welche ich immer wieder zitiere. Sie sollten also so lange suchen, bis Sie ebenfalls diese Mutterpaper für sich gefunden haben. Diese haben folgende Eigenschaften:

  • Sie finden die Paper spannend!
  • Sie betreffen exakt Ihr Thema!
  • Sie tun ungefähr das, was Sie auch tun wollen!

Wichtig ist im Hinterkopf zu behalten, dass die Akademie ein fortlaufender Dialog ist. Mit der Themensuche, haben Sie sich nun Ihren eigenen Biertisch geschaffen. In Ihrer Literaturanalyse sitzen nun diese 3-5 Autoren der Mutterpaper an einem Biertisch und zeigen den Lesern, was sie zum Thema zu sagen haben. In Ihrem anschließenden Forschungsteil, leisten Sie Ihren persönlichen, weiterführenden Beitrag dazu.

Forschungsfrage finden

Nun ist die Mission Forschungsfrage finden recht einfach. Es gilt eine sinnvolle Forschungsfrage aus den Mutterpapern, den eigenen Interessen, sowie dem Willen des Betreuers zu formen. Ich habe dazu einmal eine nette Übersicht bei Bachelorprint gefunden. Diese orientiert sich am Buch von Kornmeier. Aus einer Reihe von Fragetypen können Sie sich konzipieren, was Sie thematisch tun wollen. Beschreibung, Erklärung, Prognose, Gestaltung, Kritik – ich habe die Abbildung von Kornmeier etwas an unser aktuelles Thema: Agilität und Digitalisierung angepasst.

Lesetipp: Buch von Kornmeier

Angepasste Tabelle aus Bachelorprint

Fragetyp Aufgabe und zentrale Frage(n) Beispiele zur Forschungsfrage
Beschreibung/Deskription Einen Zustand beschreiben: Was ist der Fall? Wie sieht die „Realität“ aus? (oder auch: Sieht die Realität wirklich so aus?) (Karmasin & Ribing 2014: 25) Wie stellt sich derzeit die Digitalisierung in mittelständischen unternehmen dar?
Wie und in welchen Kontexten setzen Manager Holacracy ein?
Begründung/
Erklärung
Einen Zusammenhang verstehen/erklären: Warum ist etwas so? Welche Ursachen ziehen welche Wirkungen nach sich? (Samac, Prenner & Schwetz 2009: 49) Warum unterscheiden sich Unternehmen in ihrer Personalentwicklungsintensität?

Warum hat sich die Agilität in KMU seit 2015 verändert?

Gestaltung Maßnahmen zur Erreichung eines Ziels/Lösung praktischer Probleme: Welche Maßnahmen sind geeignet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? (Karmasin & Ribing 2014: 25) Wie lässt sich die Beschäftigungsrate bei zunehmender Automatisierung in Zukunft sicherstellen?
Welche Maßnahmen/Strategien sollten Großunternehmen ergreifen, Grundeinkommen einzuführen?
Prognose Zukünftige Ereignisse und deren Folgen skizzieren: Wie wird etwas zukünftig aussehen? Welche Veränderungen werden eintreten? (Bänsch & Alewell 2013: 4) Wie wird sich die Agilität von Unternehmen einer Branche verändern?
Wie wird sich die Digitalisierung in KMU in den nächsten fünf Jahren verändern?
Kritik/
Evaluation/
Bewertung
Kritik an etwas üben, Verbesserungsvorschläge machen: Wie ist ein bestimmter Zustand vor dem Hintergrund explizit genannter Kriterien zu bewerten? (Samac, Prenner & Schwetz 2009: 49) Wie ist die Digitalisierung in KMU in Hinblick auf die Förderung formaler Leistungsdimensionen zu bewerten?
Wie hat sich die Einführung von virtuellen und agilen Teams auf die Arbeitszufriedenheit von Angestellten ausgewirkt?
Utopie Spekulieren, Sinn/Ethik aus wissenschaftlicher Sicht bezogen auf langfristige Vorhersagen oder Entwicklungen: Wie wird die Welt von morgen aussehen? (Kornmeier 2013: 61) Wie werden Berufe nach der digitalen Transformation aussehen?
Welche Rolle nimmt Arbeit in einer zunehmenden automatisierten Gesellschaft ein? Wird nur noch eine kleine Elite arbeiten können?

 

Titel einer Masterarbeit oder Bachelorarbeit

Der Titel einer Arbeit ist nun recht einfach zu bestimmen. Er besteht aus zwei Teilen: Was tue ich & wie tue ich es. Somit hat der erste Teil das eigentliche Thema z.B. Agilität in KMU oder Automatisierung von Arbeitsplätzen. Der zweite Teil beschreibt dann das Vorgehen: z.B. die Untersuchung eines ausgewählten Unternehmens, Fallstudie von KMU, Experteninterviews und empirische Evaluation, Befragung ausgewählter KMU’s, usw. – hier einige Beispiele:

  • Agilität in KMU – Befragung ausgewählter Unternehmen
  • Digitalisierung von Wissensarbeit – Experteninterviews und empirische Evaluation
  • Grundeinkommen in Deutschland – eine Fallstudie

Alternative: Praxisphänomen mit Theorie beobachten

Viele von Ihnen schreiben ebenfalls eine Arbeit, in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen. Auch ich habe meine Masterarbeit agile in the Waterfallworld mit einem Unternehmen geschrieben. Hier soll das Thema oft sehr praxisnah und ein Problem des Unternehmens, zeitgleich aber auch sehr akademisch sein. Die Lösung eines unternehmensspezifischen Problems wie z.B. die Einführung eines SAP in einem mittelständischen KMU, ist jedoch keine ausreichende Bachelorarbeit im streng akademischen Sinn.

Theoretisch ist dieses Dilemma ist einfach zu lösen, indem Sie ein praktisches Problem des Unternehmens nehmen wie bei mir: agile- und Wasserfallmethoden in einem Unternehmen. Dieses Praxisproblem untersuchen Sie mit einer Theorie wie z.B. der Spieltheorie, Agilität, Porters Five Forces oder ähnlichen. Somit untersuchen Sie also ein Problem des Unternehmens anhand einer wissenschaftlichen Theorie. Dies bildet die perfekte Brücke zwischen Theorie und Praxis. Sie müssen hier selbst und individuell schauen, welche Theorie an dieser Stelle passen kann. Folgend eine Liste von bekannten Theorien, welche im Zuge unseres Themas sinnvoll sind:

In der Praxis können Sie aber oft damit rechnen, dass eine lange Abstimmung nötig ist und Sie statt 6 Monaten mal gut 10 – 12 einplanen können. Aber es lohnt sich, da man danach oft direkt angestellt wird und gutes Geld während der Masterarbeit bekommt. Bei mir wurde neben dem Einstiegsgehalt auch meine Zeit als Junior Consultant deutlich verkürzt.

Im Folgenden gebe ich ein paar Beispiele und Tipps für die Themenfindung. Dazu liste ich eine Menge an Praxisproblemen auf und gebe dazu eine passende Theorie bzw. eine akademische Betrachtungsweise. Ihre Aufgabe ist es nun, diese mit Betreuer sowie mit dem Unternehmen abzustimmen.
Angepasste Tabelle aus Bachelorprint

Praxisproblem Akademische Theorie oder Sichtweise
Einführung flexibler Arbeit / mobiler Arbeit Implikationen auf die IT, Einfluss auf Mensch/Stress oder Effizienz am Arbeitsplatz durch Technologie, Prognose der Digitalisierung von Arbeit
Einführung von Holacracy Change Modell von Kotter, Einflussfaktoren auf Erfolg von Organisationsmodellen, Bewertung von Holacracy bei Einführung, Wie wird Holacracy das Team verändern?
Digitalisierung eines Prozess durch Tooleinführung Auswirkungen von Softwareunterstützung auf Performance von Arbeit, Erfolgsfaktoren einer Prozessdigitalisierung, Unterschied Digitalisierung von Prozessen von klassischen Prozessmanagement

 

Zusammenfassung

Ich habe in diesem Artikel mein aktuelles Wissen über die Themenfindung zusammengestellt. Natürlich gibt es weitere Möglichkeiten und am Ende entscheidet der Betreuer über den Prozess und auch die Relevanz des Themas sowie ggf. der Praxispartner. Ich habe hier nur einige Vorschläge gegeben von denen ich glaube, dass diese recht sinnvoll für eine Abschlussarbeit sind. Für weiterführende Informationen schauen Sie gerne auch in meine Buchvorschläge!

Lesetipp: Buchvorschläge zu Abschlussarbeiten

Verwendete Quellen anzeigen

Bild: Maura24 – https://pixabay.com/de/graduierung-abschlusstag-2038864/

Kornmeier, Martin. 2013. Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht – für Bachelor, Master und Dissertation. 6. Aufl. Bern: Haupt.

Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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