Immer mehr Unternehmen setzen auf künstliche Intelligenz, damit diverse Arbeitsprozesse automatisiert werden, sodass es in weiterer Folge zu einer Reduzierung der Kosten kommt. Während KI-Tools vielerorts als Zukunftslösung gefeiert werden, verlieren hingegen unzählige Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Zahlreiche Studien zeigen aber bereits, dass die Hoffnung auf Effizienzgewinne oft trügt: Die künstliche Intelligenz kann menschliche Mitarbeiter nämlich nicht vollständig ersetzen. Wer also heute mit dem Argument, die KI würde seinen Job übernehmen, entlassen wird, könnte daher schon bald wieder am alten Schreibtisch Platz nehmen.
KI wird oft nur als Vorwand für Massenentlassungen verwendet
In den USA wurden zuletzt Zehntausende Stellen gestrichen. Vielfach mit der Begründung, die künstliche Intelligenz – KI – könne Aufgaben wesentlich schneller und günstiger übernehmen. Vor allem haben hier die großen Konzerne wie Amazon und UPS jeweils rund 14.000 Mitarbeiter entlassen, bei UPS sind sogar Kürzungen von insgesamt 48.000 Arbeitsplätzen geplant. Doch Experten gehen davon aus, dass die KI hier oft nur als bequeme Rechtfertigung dient, damit ohnehin schon längst geplante Sparmaßnahmen umgesetzt werden können.
Laut der aktuellen Analyse des Unternehmens Visier, das sich auf Personalplanung spezialisiert hat, ist der Anteil jener Beschäftigten gestiegen, die nach einer Kündigung später wieder eingestellt wurden. Demnach sind um die 5,3 Prozent der entlassenen Mitarbeiter wieder zu ihren alten Arbeitgebern zurückgekehrt. Für die Untersuchung wurden Daten von 2,4 Millionen Beschäftigten aus 142 Unternehmen weltweit ausgewertet. Die Wiedereinstellungsquote sei seit dem Jahr 2018 weitgehend stabil geblieben, zuletzt sei aber ein leichter Anstieg zu beobachten.
„Die Vorstellung, dass KI jetzt kommt und absolut jeden Arbeitsplatz ersetzt, ist noch immer nicht bewiesen“, so Andrea Derler, Leiterin bei Visier. Für sie ist die aktuelle Entwicklung vielmehr Ausdruck eines strategischen Fehlers: Viele Führungskräfte hätten sich nämlich nie intensiv damit beschäftigt, was KI tatsächlich leisten kann und welche Kosten ihre Implementierung verursacht. Somit seien Entlassungen unter dem Vorwand der Automatisierung oftmals vorschnell getroffen worden.
Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust wird größer
Die Furcht, dass die KI massenhaft Jobs vernichtet, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Laut einer aktuellen PWC-Studie haben 22 Prozent der Angestellten in Deutschland zufolge die Sorge, dass ihr Job durch die KI-Technologie überflüssig wird. Besonders ausgeprägt ist diese Sorge bei jungen Erwachsenen, die zwischen 18 und 29 Jahre alt sind. Jene Generation, die eigentlich als besonders technikaffin gilt.
Tech-CEOs tragen mit ihren Aussagen zudem noch dazu bei, dass diese Ängste größer werden. So warnte der Anthropic-Chef Dario Amodei, dass die KI-Systeme künftig Millionen gut bezahlter Bürojobs gefährden und die Arbeitslosenquote auf bis zu 20 Prozent steigen lassen könnten. Derartige Prognosen befeuern natürlich die Unsicherheit am Arbeitsmarkt und verstärken am Ende auch den Eindruck, dass menschliche Arbeitskraft zunehmend an Bedeutung verlieren wird.
Andrea Derler sieht darin jedoch eine gefährliche Fehlinterpretation. Denn ihrer Ansicht nach sind die meisten Unternehmen gar nicht in der Lage, dass die KI so kurzfristig in jenem Umfang eingesetzt wird, damit dann Massenentlassungen folgen, weil die Arbeitsbereiche von Seiten der KI übernommen werden. Stattdessen mangele es viel mehr an klaren Strategien, an qualifizierten Fachkräften und an einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Technologie. „Der zunehmende Einsatz von KI sei allerdings eine sehr bequeme Erklärung für Entlassungen“, so Derler.
Studien zeigen: KI kann nur einen Bruchteil der menschlichen Arbeit übernehmen
Tatsächlich ist die KI im Alltag vorgedrungen und ist natürlich auch spürbar geworden. So werden Bilder mittels KI erstellt, es werden Texte generiert und mitunter auch eigene Angebote erstellt, die auf Basis des Kundenverhaltens geschaffen worden sind. Hier kann vor allem der Bereich Online Glücksspiel erwähnt werden. Immer mehr Casinos ohne eine Lizenz aus Deutschland arbeiten mit KI und kreieren auf Basis des Spielerverhaltens eigene Boni und Angebote. So bindet man die Spieler langfristig an sich. Die KI kann hier problemlos für die Analyse eingesetzt werden, in einigen anderen Bereichen hat sie aber noch Schwierigkeiten.
Auch mit wissenschaftlichen Untersuchungen wurde bereits bestätigt, dass KI-Modelle aktuell weit davon entfernt sind, Menschen zu ersetzen. Eine von Experten des Datenannotationsunternehmens Scale AI und der Non Profit-Organisation Center for AI Safety entwickelte Benchmark zeigt, dass selbst die modernen Systeme bisher nur etwa 3 Prozent der alltäglichen Arbeitsaufgaben zuverlässig ausführen können. Für viele Tätigkeiten fehlt es den Modellen nämlich an Verständnis, Kontextwissen und Anpassungsfähigkeit.
Vor diesem Hintergrund überrascht es also nicht wirklich, dass viele Unternehmen ihre Entscheidung zur Personalkürzung bereits bereut haben. Sieht man sich einen aktuellen Bericht des Beratungsunternehmens Forrester an, so wird schnell klar, dass mehr als die Hälfte jener Arbeitgeber, die Mitarbeiter entlassen und ihre Aufgaben an KI-Systeme übertragen haben, ihre Entscheidung rückgängig machen würden. Sie haben nämlich festgestellt, dass der tatsächliche Nutzen geringer ausfällt als anfangs erwartet und dass Fachwissen, Erfahrung und Kreativität der Menschen nicht so einfach durch die KI ersetzt werden können.
„Entlassungen sind niemals kostenlos“, so Andrea Derler. Der Verlust erfahrener Mitarbeiter führt zu Wissenslücken, sinkender Produktivität und hohen Kosten bei der späteren Neueinstellung. Deshalb sollten Unternehmen auch ganz genau abwägen, ob der kurzfristige finanzielle Vorteil einer Entlassung den langfristigen Schaden aufwiegt.
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