Ich war lange Generalist. Infrastruktur, Digitalisierung, agile Organisationen, Projektmanagement, Cloud, Stakeholdersteuerung, Serviceprozesse und technische Konzepte – genau diese Mischung war über viele Jahre extrem gefragt. Gerade in großen Unternehmen wurden Menschen gesucht, die unterschiedliche Welten miteinander verbinden konnten. Man musste mit Fachbereichen sprechen können, technische Teams koordinieren, Workshops moderieren und gleichzeitig Projekte steuern. Ich habe viele Jahre genau in dieser Rolle gearbeitet und war oft derjenige zwischen Management, Technik und Betrieb.
Vor allem die letzten Jahre der Digitalisierung haben solche Rollen enorm gepusht. Unternehmen wollten Menschen, die „alles ein bisschen verstehen“, schnell reagieren können und große Transformationsprojekte begleiten. Agile Organisationen wurden aufgebaut, Prozesse verändert, Cloud-Projekte gestartet und bestehende Strukturen modernisiert. Genau dort war ich lange zuhause.
Aber der Markt verändert sich aktuell massiv. Nicht nur wegen der wirtschaftlichen Lage, sondern vor allem auch wegen KI.

KI verändert den Arbeitsmarkt stärker als viele glauben
Viele Menschen sagen aktuell: „KI wird uns arbeitslos machen.“ Und ehrlich gesagt glaube ich inzwischen, dass daran zumindest teilweise etwas dran ist. Vor allem Tätigkeiten mit viel Standardwissen geraten gerade massiv unter Druck. Dinge wie generische Konzepte, einfache Analysen, Standarddokumentationen oder breit austauschbare Wissensarbeit können heute bereits extrem schnell durch KI unterstützt werden.
Das merken Unternehmen längst. Projekte werden kritischer bewertet, Budgets enger kalkuliert und viele Firmen suchen heute deutlich gezielter nach Experten mit echter fachlicher Tiefe. Auch als Freelancer merke ich das inzwischen sehr deutlich. Früher war breite Erfahrung oft ein riesiger Vorteil. Heute reicht „viel gesehen“ alleine immer seltener aus. Kunden wollen konkrete Spezialisierung, tiefes Plattformwissen und Menschen, die in kritischen Themen wirklich sicher unterwegs sind.
Gleichzeitig gibt es ein weiteres Problem: Viele Menschen haben sich über Jahre auf ihrem bestehenden Wissen ausgeruht. Das war lange kein Problem, weil der Markt extrem aufnahmefähig war. Aber genau das funktioniert heute immer schlechter.
„Viele sind irgendwann fachlich eingerostet. Genau das wird jetzt gefährlich. Wer sich nicht weiterentwickelt, verliert langfristig gegen Spezialisierung und Automatisierung.“
Ich glaube deshalb inzwischen, dass Lernen wieder deutlich wichtiger wird als in den letzten zehn Jahren.
Auch ich musste mich neu erfinden
Ich habe diesen Wandel selbst gemerkt. Ich komme ursprünglich stark aus Infrastruktur-, Organisations- und Digitalisierungsthemen. Das hat mir lange geholfen, weil ich sehr viele Bereiche miteinander verbinden konnte. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass der Markt sich verändert. Unternehmen suchen heute weniger den klassischen Generalisten und deutlich stärker Menschen, die in bestimmten Plattformen oder Unternehmensprozessen wirklich tief drin sind.
Deshalb habe ich mich noch einmal hingesetzt und angefangen, wieder richtig zu lernen. Nicht nebenbei ein bisschen Videos schauen oder oberflächlich Zertifikate sammeln, sondern wirklich intensiv. Seit Ende 2025 investiere ich wieder massiv Zeit in ein großes ERP-Umfeld. Technisch, fachlich und prozessual. Teilweise zusätzlich vier bis fünf Stunden am Tag neben dem eigentlichen Job. Ehrlich gesagt hat mich das oft an die Zeit in der Universität erinnert.
Ich habe Prozesse gelernt, Datenmodelle verstanden, Zertifizierungen vorbereitet, technische Zusammenhänge analysiert und mich tief mit der Schnittstelle zwischen Fachbereich und Technik beschäftigt. Genau dort merke ich inzwischen auch wieder, warum tiefe Spezialisierung so wertvoll wird.
Dort endet oft die Stärke von KI
KI kann heute unglaublich viel. Ich nutze sie selbst jeden Tag und sie macht mich in vielen Bereichen deutlich produktiver. Aber je tiefer man in echte Unternehmensrealitäten eintaucht, desto schneller merkt man auch die Grenzen.
Denn reale Unternehmen bestehen nicht aus perfekten Lehrbuchprozessen. Sie bestehen aus Sonderfällen, politischen Interessen, historisch gewachsenen Strukturen, widersprüchlichen Anforderungen und komplexen Abhängigkeiten zwischen Menschen, Prozessen und Technik. Genau dort wird es schwierig.
Und genau dort merke ich inzwischen auch, dass KI oft keine wirklichen Antworten mehr liefern kann. Sie kann unterstützen, strukturieren und beschleunigen. Aber sie versteht häufig nicht die tatsächliche Realität eines komplexen Unternehmens oder die feinen Zusammenhänge zwischen Fachlichkeit, Betrieb und Organisation.
Die wirklich wertvollen Menschen der nächsten Jahre werden deshalb aus meiner Sicht nicht einfach nur „gut mit KI“ sein. Wertvoll werden diejenigen sein, die tiefes Fachwissen besitzen, technische Systeme wirklich verstehen und gleichzeitig Prozesse sowie Unternehmensrealitäten einordnen können. Genau diese Kombination wird immer wichtiger.
Wieder richtig tief in einem Thema zuhause sein
Nach fast sechs Monaten intensivem Lernen merke ich inzwischen, dass ich wieder richtig tief in einem Thema angekommen bin. Nicht oberflächlich. Nicht einfach nur Begriffe kennen. Sondern wirklich verstehen, wie Prozesse, Systeme und Organisationen zusammenspielen.
Und genau das fühlt sich aktuell wieder extrem motivierend an. Früher war ich oft sehr breit unterwegs. Heute merke ich, wie viel stärker man wahrgenommen wird, wenn man wirklich tief in einem Bereich Expertise aufbaut. Plötzlich entstehen wieder spannende Gespräche, komplexe Probleme und Projekte, bei denen generische Antworten nicht mehr ausreichen.
Ich merke inzwischen auch, dass genau dort mein Platz ist. In der Verbindung zwischen Technik, Fachlichkeit und echten Unternehmensprozessen. Dort, wo Systeme nicht nur installiert, sondern verstanden werden müssen. Dort, wo Prozesse angepasst, Menschen mitgenommen und technische Lösungen sinnvoll integriert werden müssen.
Und genau dort kommt KI aktuell noch nicht wirklich hin.
Fazit
Die IT-Welt verändert sich gerade extrem schnell. KI wird viele Tätigkeiten verändern und bestimmte Rollen massiv unter Druck setzen. Vor allem breite Standardwissensarbeit wird schwieriger werden. Das merkt man heute bereits deutlich – sowohl im klassischen Arbeitsmarkt als auch im Freelancer-Umfeld.
Aber gleichzeitig entstehen neue Chancen für Menschen, die bereit sind, sich wieder tief in Themen einzuarbeiten und echte Expertise aufzubauen. Für mich persönlich war das ein wichtiger Lernprozess. Ich musste akzeptieren, dass reine Generalistenrollen langfristig schwieriger werden. Gleichzeitig habe ich aber gemerkt, dass genau dort neue Möglichkeiten entstehen, wo Fachlichkeit, Technik und Unternehmensrealität zusammenkommen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Fähigkeit der nächsten Jahre: Trotz Erfahrung noch einmal bereit zu sein, sich komplett neu in Themen einzuarbeiten und wirklich tief zu lernen.
Image: ChatGPT