Warum Unternehmen das Englisch-Niveau ihrer Mitarbeiter kennen sollten

Team bespricht mit einem internationalen Kunden technische Unterlagen per VideokonferenzKI erzeugt

Angenommen, ein Maschinenbauer aus dem Schwarzwald gewinnt seinen ersten großen Kunden in den USA. Zum Kick-off schickt der Vertrieb den Projektingenieur, weil er „gut Englisch spricht“. Die technischen Fragen beantwortet er souverän. Als der Einkäufer auf der anderen Seite beiläufig erwähnt, dass die Abnahme an eine Vertragsstrafe gekoppelt ist, geht der Satz im Gesprächstempo unter, und erst Wochen später fällt auf, was da vereinbart wurde.

„Gutes Englisch“ lässt sich schlecht einplanen

Personalabteilungen kennen die Formulierungen aus Lebensläufen: „verhandlungssicher“, „fließend“, „sehr gute Kenntnisse“. Sie beschreiben eine Selbsteinschätzung, und die fällt je nach Persönlichkeit sehr unterschiedlich aus. Für die Planung eines internationalen Projekts taugen solche Adjektive wenig, weil niemand weiß, ob „verhandlungssicher“ bei zwei Bewerbern dasselbe bedeutet.

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER, englisch CEFR), den der Europarat 2001 veröffentlicht hat, ersetzt diese Adjektive durch sechs Stufen, die beschreiben, was jemand in der Sprache tun kann. Damit wird Englisch zu einer Größe, mit der sich Teams zusammenstellen und Weiterbildungsbudgets planen lassen.

Was die sechs Stufen im Arbeitsalltag bedeuten

Auf A1 und A2 bewältigt jemand kurze, vorhersehbare Situationen, etwa eine Begrüßung am Empfang oder eine einfache Rückfrage per Mail. B1 ist die erste Stufe selbstständiger Sprachverwendung. Wer sie erreicht hat, schreibt eine verständliche Statusmail zu einem vertrauten Thema und folgt einem Meeting, solange niemand das Tempo anzieht.

Auf B2-Niveau fällt anspruchsvollere Kommunikation im Arbeitsalltag meist leichter. Eine Diskussion im Call mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern oder eine Präsentation mit Rückfragen gelingt auf diesem Niveau häufig ohne ständiges Suchen nach Worten. C1 entspricht dem Englisch von Menschen, die Angebote formulieren und in einer höflichen Mail den Vorbehalt zwischen den Zeilen erkennen. C2 beschreibt eine sehr weit entwickelte Sprachbeherrschung mit feinen Bedeutungsnuancen, die vor allem dort zählt, wo Sprache selbst das Produkt ist, zum Beispiel in der Vertragsarbeit.

Kein Niveau garantiert beruflichen oder geschäftlichen Erfolg. Eine Vertriebsmitarbeiterin mit B2, gutem Produktwissen und Gespür für ihr Gegenüber kann besser verhandeln als ein Kollege mit C1. Das Niveau zeigt, in welchen Situationen jemand zusätzliche Kraft aufwenden muss, und damit, wo Unterstützung sinnvoll ansetzt.

Meetings und Remote-Teams

In verteilten Teams ist Englisch für viele Beteiligte eine Fremdsprache. Ein häufiger Stolperstein ist das Tempo: Wer im Call auf B1 mitkommt, bekommt die Entscheidung mit, verpasst aber womöglich die Bedingung, unter der sie getroffen wurde. Teamleitungen, die das Niveau ihrer Leute kennen, können gegensteuern, etwa mit einer schriftlichen Zusammenfassung nach jedem Meeting oder einer Moderation, die Rückfragen ausdrücklich einlädt.

Kundengespräche, Präsentationen und Dokumentation

Bei Präsentationen ist der vorbereitete Teil selten das Problem. Schwierig wird die Fragerunde, wenn ein Kunde zwei Fragen in einem Satz stellt oder Fachkürzel verwendet, die im Foliensatz nicht vorkommen. Wer weiß, dass ein Kollege auf B2 steht, kann ihn für die Q&A-Runde gezielt vorbereiten oder eine zweite Person dazunehmen.

Technische Dokumentation wird international meist in einer Fremdsprache gelesen, oft von Menschen, deren Englisch ebenfalls auf B1 oder B2 liegt. Eine Anleitung, die nur eine Lesart zulässt, verlangt beim Schreiben eine sichere Sprachbeherrschung. Kennt das Unternehmen das Niveau seiner Autorinnen und Autoren, lässt sich einschätzen, wann ein Lektorat vor der Veröffentlichung sinnvoll ist.

Recruiting mit klaren Anforderungen

Stellenanzeigen, die „verhandlungssicheres Englisch“ verlangen, laden zu Selbsteinschätzungen ein. Präziser ist eine GER-Stufe, die zur Rolle passt. Für viele Rollen in der internen Koordination kann B2 ausreichend sein, während Vertragsverhandlungen je nach Aufgabe ein höheres Niveau erfordern können. Bewerberinnen und Bewerber wissen dann, was gemeint ist, und das Unternehmen kann die Angabe im Prozess überprüfen, bevor das Gespräch auf Englisch wechselt.

Den Stand im Team erheben

Selbsteinschätzungen weichen in beide Richtungen ab. Wer im Alltag viel spricht, überschätzt oft die eigene Schreibkompetenz, während sorgfältige Lerner ihr Hörverstehen gern unterschätzen. Ein standardisierter Test schafft eine gemeinsame Grundlage. Wer online nach einem Englisch Einstufungstest sucht, findet zum Beispiel den des International English Test, der im Browser das GER-Niveau ermittelt. Für die Personalakte gibt es auf Wunsch ein PDF-Zertifikat, das sich per QR-Code online prüfen lässt.

Bevor ein Unternehmen Ergebnisse systematisch nutzt, sollte es festlegen, wer sie einsehen darf und wofür sie verwendet werden. Wo es einen Betriebsrat gibt, lohnt es sich, ihn früh einzubinden.

Weiterbildung gezielt planen

Ein allgemeiner Englischkurs für die ganze Abteilung verteilt das Budget nach dem Gießkannenprinzip. Mit bekannten Niveaus lassen sich Gruppen bilden, die zu ihren Aufgaben passen. Mitarbeitende auf B1 profitieren von Training für Meetings und Telefonate. Wer von B2 auf C1 kommen will, braucht mehr Übung im längeren Schreiben, etwa bei Angeboten und Berichten. Ein erneuter Test nach einigen Monaten zeigt, ob die Maßnahme wirkt.

Beim nächsten internationalen Projekt anfangen

Auf fast jeder Planungsliste steht ein Projekt, bei dem Mitarbeitende mit Kunden oder Partnern auf Englisch sprechen werden. Welches Niveau verlangen diese Rollen, und welches bringen die vorgesehenen Personen mit? Wer beide Fragen vor dem Kick-off beantwortet, kann eine Lücke noch mit Zusammenfassungen, Tandems oder einem gezielten Kurs schließen, statt sie im ersten Kundengespräch zu entdecken.

Bildquelle: OpenAI

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