Der Tod des Konzernjobs? Drei spannende Thesen aus dem Artikel „The Death of the Corporate Job“ von Alex McCann

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Vor einigen Tagen bin ich auf den Artikel „The Death of the Corporate Job“ von Alex McCann gestoßen. Der Beitrag hat in sozialen Netzwerken für viel Aufmerksamkeit gesorgt, weil er eine These formuliert, die viele Arbeitnehmer vermutlich schon einmal gedacht, aber selten offen ausgesprochen haben:

Ein großer Teil moderner Konzernarbeit besteht nicht mehr aus direkter Wertschöpfung, sondern aus Koordination, Abstimmung und Verwaltung.

Ob man dieser Einschätzung vollständig zustimmt oder nicht, sei dahingestellt. Dennoch enthält der Artikel einige spannende Gedanken, die gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eine interessante Diskussion auslösen.

Im Folgenden möchte ich drei zentrale Aussagen des Autors aufgreifen und aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung einordnen.

These 1: Viele Menschen können ihren eigenen Job kaum noch erklären

Was Alex McCann sagt

Der Autor beschreibt zahlreiche Gespräche mit Mitarbeitern großer Unternehmen. Auffällig sei dabei, dass viele Menschen ihre Tätigkeit nur noch mit abstrakten Begriffen beschreiben könnten.

Es werde von „Stakeholder Alignment“, „Cross-Functional Coordination“, „Strategic Enablement“ oder ähnlichen Begriffen gesprochen. Fragt man jedoch nach dem konkreten Ergebnis der Arbeit, falle die Antwort oft schwer.

McCann argumentiert, dass sich viele moderne Konzernrollen zunehmend von einem klar sichtbaren Ergebnis entfernt hätten. Statt etwas Greifbares zu produzieren, würden Informationen zwischen Abteilungen bewegt, Prozesse koordiniert oder Entscheidungen vorbereitet.

Mein Kommentar

Diesen Effekt habe ich tatsächlich mehrfach beobachtet.

Gerade in sehr großen Organisationen entstehen mit der Zeit zahlreiche Rollen, deren Hauptaufgabe nicht mehr die Umsetzung, sondern die Steuerung von Umsetzung ist.

Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Tätigkeiten unnötig sind. Im Gegenteil: Ohne Projektleiter, Product Owner, Governance-Funktionen, Compliance oder Risikomanagement würden große Unternehmen kaum funktionieren.

Trotzdem entsteht manchmal eine gewisse Distanz zum eigentlichen Produkt oder zur technischen Umsetzung.

In meinen Projekten bei Infrastruktur-, Cloud- und ServiceNow-Themen habe ich häufig erlebt, dass externe Spezialisten die eigentliche technische Arbeit durchgeführt haben, während auf Konzernseite vor allem gesteuert, priorisiert, dokumentiert und abgestimmt wurde.

Gerade deshalb habe ich bewusst immer versucht, neben der Projektsteuerung auch technisch aktiv zu bleiben. Wer selbst versteht, wie Systeme funktionieren, diskutiert anders, entscheidet anders und erkennt Probleme früher.

These 2: Große Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit sich selbst

Was Alex McCann sagt

Eine weitere zentrale These des Autors lautet, dass große Organisationen mit zunehmender Größe immer mehr Ressourcen für ihre eigene Verwaltung benötigen.

Meetings erzeugen weitere Meetings. Berichte erzeugen weitere Berichte. Abstimmungen führen zu zusätzlichen Abstimmungen.

Jeder einzelne Prozess hat dabei eine nachvollziehbare Begründung. Betrachtet man jedoch die Summe aller Prozesse, entsteht manchmal das Gefühl, dass Organisationen einen erheblichen Teil ihrer Energie dafür aufwenden, sich selbst zu organisieren.

Mein Kommentar

Auch hier erkenne ich durchaus Parallelen zu eigenen Erfahrungen.

Je größer ein Unternehmen wird, desto wichtiger werden Governance, Compliance, Risikomanagement und Dokumentation. Das ist grundsätzlich sinnvoll und oft regulatorisch notwendig.

Gleichzeitig habe ich erlebt, dass manche Entscheidungen durch zahlreiche Gremien, Abstimmungen und Freigaben laufen müssen, obwohl die eigentliche Umsetzung vergleichsweise einfach wäre.

Besonders spannend wird dieser Punkt durch KI.

Viele der Tätigkeiten, die heute einen hohen organisatorischen Aufwand verursachen, bestehen aus Informationsverarbeitung. Protokolle schreiben, Berichte erstellen, Statusinformationen zusammenfassen oder Entscheidungen vorbereiten sind genau die Bereiche, in denen moderne KI-Systeme bereits heute sehr leistungsfähig sind.

Deshalb halte ich es durchaus für möglich, dass KI in den kommenden Jahren vor allem organisatorische Reibungsverluste reduziert.

These 3: Der Konzernjob wird zunehmend zur Plattform statt zur Identität

Was Alex McCann sagt

Die vielleicht interessanteste These des Artikels lautet, dass viele Arbeitnehmer ihre Konzernrolle heute anders betrachten als frühere Generationen.

Früher war der Beruf häufig ein zentraler Teil der eigenen Identität.

Heute betrachten viele Beschäftigte ihren Job eher als Plattform. Das Gehalt finanziert private Projekte, Weiterbildungen, Investments oder den Aufbau eigener Geschäftsideen.

Der Autor beschreibt Menschen, die ihre eigentliche Energie zunehmend außerhalb ihrer offiziellen Stellenbeschreibung einsetzen.

Mein Kommentar

Diesen Punkt fand ich persönlich besonders spannend.

Wenn ich auf meine eigene berufliche Entwicklung schaue, erkenne ich durchaus Parallelen.

Neben klassischen Konzernprojekten habe ich über Jahre weitere Tätigkeiten aufgebaut: Lehre an der Hochschule, Amazon FBA, Buchprojekte und diese Blogplattform.

Dabei habe ich nie das Gefühl gehabt, dass sich diese Bereiche gegenseitig ausschließen.

Im Gegenteil.

Viele Fähigkeiten aus der Konzernwelt helfen beim Aufbau eigener Projekte. Gleichzeitig führen unternehmerische Erfahrungen oft zu einem anderen Blick auf Prozesse, Kosten, Kunden und Wertschöpfung innerhalb großer Organisationen.

Vielleicht erleben wir deshalb aktuell nicht den Tod des Konzernjobs.

Möglicherweise verändert sich vielmehr die Rolle, die der Konzernjob im Leben vieler Menschen spielt.

Fazit

Alex McCann formuliert seine Thesen bewusst provokant. Nicht jede Beobachtung lässt sich auf jedes Unternehmen übertragen. Viele Funktionen in großen Organisationen sind wichtig und erfüllen einen realen Zweck.

Dennoch spricht der Artikel einige Entwicklungen an, die schwer zu übersehen sind.

Große Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit Steuerung, Koordination und Informationsverarbeitung. Genau diese Bereiche geraten nun durch Künstliche Intelligenz unter Druck.

Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob Unternehmen in Zukunft weniger Mitarbeiter beschäftigen werden.

Die spannendere Frage lautet, welche Tätigkeiten langfristig echten Mehrwert schaffen und welche Aufgaben künftig automatisiert oder deutlich effizienter erledigt werden können.

Vielleicht markiert KI deshalb nicht das Ende der Arbeit.

Vielleicht markiert sie den Beginn einer neuen Diskussion darüber, was produktive Arbeit in einer modernen Wissensgesellschaft eigentlich bedeutet.

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