Bullshit Jobs oder echter Mehrwert? Was KI über die moderne Arbeitswelt enthüllt

ChatGPT Image 4. Juni 2026, 13 34 46

Vor einigen Tagen habe ich einen Artikel gelesen, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Die zentrale These war provokant: Viele moderne Konzernjobs bestehen heute weniger aus echter Wertschöpfung als aus Verwaltung, Abstimmung und gegenseitiger Koordination.

Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage übertrieben. Schließlich arbeiten Millionen Menschen täglich in Büros, erstellen Konzepte, koordinieren Projekte, organisieren Prozesse und treffen Entscheidungen. Doch betrachtet man die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz, stellt sich eine interessante Frage:

Was passiert eigentlich, wenn eine Technologie plötzlich einen großen Teil dieser Tätigkeiten übernehmen kann?

Die moderne Konzernwelt besteht aus mehr als Produkten und Kunden

In kleinen Unternehmen ist meist relativ klar erkennbar, wer welchen Beitrag leistet. Ein Handwerker repariert eine Heizung. Ein Entwickler programmiert Software. Ein Verkäufer gewinnt Kunden. Die Verbindung zwischen Tätigkeit und Ergebnis ist oft unmittelbar sichtbar.

In großen Organisationen sieht die Realität häufig anders aus. Dort entstehen zusätzliche Ebenen für Planung, Steuerung, Kontrolle, Reporting, Compliance, Governance und Projektmanagement. Diese Funktionen sind notwendig, damit komplexe Unternehmen überhaupt funktionieren können.

Je größer eine Organisation wird, desto mehr Menschen beschäftigen sich damit, Arbeit zu koordinieren, anstatt sie selbst auszuführen. Das ist kein Fehler des Systems, sondern eine natürliche Folge zunehmender Komplexität.

Wenn Verwaltung Verwaltung verwaltet

Mit der Zeit entsteht jedoch ein interessanter Effekt.

Berichte werden erstellt, damit andere Berichte erstellt werden können. Meetings finden statt, um weitere Meetings vorzubereiten. Präsentationen werden erstellt, um Entscheidungen vorzubereiten, die später erneut präsentiert werden.

Jeder einzelne Schritt hat dabei häufig einen nachvollziehbaren Grund. Betrachtet man jedoch die gesamte Kette, stellt sich manchmal die Frage, wie viel davon tatsächlich beim Kunden oder Endprodukt ankommt.

Viele Beschäftigte kennen dieses Gefühl vermutlich. Nach einem langen Arbeitstag wurden zahlreiche E-Mails beantwortet, Meetings besucht und Abstimmungen durchgeführt. Fragt man sich jedoch, welcher konkrete Mehrwert entstanden ist, fällt die Antwort oft überraschend schwer.

Warum KI ausgerechnet hier ansetzt

Genau diese Tätigkeiten gehören zu den Bereichen, in denen Künstliche Intelligenz aktuell besonders stark ist.

KI kann Informationen zusammenfassen, Präsentationen erstellen, Berichte formulieren, Protokolle schreiben, Daten analysieren und Handlungsempfehlungen ableiten. Viele Aufgaben, die bislang mehrere Stunden in Anspruch nahmen, lassen sich heute innerhalb weniger Minuten erledigen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Menschen dahinter überflüssig werden.

Es bedeutet jedoch, dass dieselbe organisatorische Leistung künftig mit deutlich weniger Aufwand erbracht werden kann.

Genau deshalb geraten viele Verwaltungs-, Koordinations- und Reportingaufgaben aktuell unter Druck.

Die unbequeme Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung der KI-Revolution gar nicht darin, dass Maschinen Menschen ersetzen.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, dass KI sichtbar macht, welche Tätigkeiten tatsächlich Wert schaffen und welche hauptsächlich aus organisatorischer Notwendigkeit entstanden sind.

Diese Unterscheidung ist oft unangenehm.

Denn viele Tätigkeiten existieren nicht deshalb, weil sie unmittelbar Kundennutzen erzeugen, sondern weil große Organisationen komplex geworden sind. Mitarbeiter dokumentieren, kontrollieren, koordinieren und verwalten Prozesse, die ohne diese Strukturen kaum beherrschbar wären.

KI könnte einen Teil dieser organisatorischen Komplexität reduzieren.

Meine eigene Beobachtung aus Konzernen

Auch ich habe in verschiedenen Konzernen immer wieder eine ähnliche Beobachtung gemacht.

Ein erheblicher Teil der eigentlichen Umsetzung findet häufig außerhalb der Organisation statt. Externe Dienstleister entwickeln Software, bauen Infrastruktur auf, betreiben Systeme oder lösen technische Probleme. Innerhalb des Konzerns wird dagegen häufig geplant, gesteuert, priorisiert, dokumentiert und abgestimmt.

Beides ist notwendig.

Allerdings entsteht dadurch manchmal eine Situation, in der viele Menschen Arbeit koordinieren, die von anderen durchgeführt wird.

Je mehr ich diese Strukturen kennengelernt habe, desto stärker entstand bei mir der Wunsch, auch die operative Seite zu verstehen. Deshalb habe ich bewusst Projekte übernommen, bei denen ich näher an der technischen Umsetzung arbeiten konnte.

Rückblickend war dies eine wichtige Erfahrung.

Denn wer versteht, wie etwas tatsächlich funktioniert, ist meist unabhängiger von organisatorischen Veränderungen.

Die Rückkehr von Fachwissen

Interessanterweise könnte KI genau zu einer Aufwertung praktischer Fähigkeiten führen.

Während standardisierte Wissensarbeit zunehmend automatisiert wird, bleiben viele Formen von Fachwissen weiterhin gefragt. Kundenprobleme lösen sich nicht von selbst. Systeme müssen weiterhin entwickelt, betrieben und verbessert werden. Menschen müssen Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und komplexe Situationen beurteilen.

Der Wert verschiebt sich möglicherweise weg von der bloßen Informationsverarbeitung hin zur Anwendung von Wissen.

Mit anderen Worten:

Zu wissen, was in einem Handbuch steht, wird weniger wertvoll.

Zu wissen, wie man ein Problem tatsächlich löst, wird wertvoller.

Die eigentliche Veränderung

Vielleicht erleben wir deshalb nicht den Tod der Büroarbeit.

Vielleicht erleben wir vielmehr das Ende einer Zeit, in der immer mehr Menschen damit beschäftigt waren, Informationen zwischen Organisationseinheiten zu verschieben.

Wenn KI einen Teil dieser Tätigkeiten übernimmt, könnte die Arbeitswelt wieder stärker zwischen echter Wertschöpfung und organisatorischer Verwaltung unterscheiden.

Das wird nicht für jeden angenehm sein.

Es könnte jedoch dazu führen, dass Fachwissen, Umsetzungskompetenz und unternehmerisches Denken wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.

Fazit

Künstliche Intelligenz stellt nicht nur einzelne Berufe infrage. Sie stellt auch die Art infrage, wie große Organisationen in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen sind.

Viele Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben sind notwendig. Gleichzeitig könnten genau diese Tätigkeiten besonders stark automatisierbar sein. Dadurch wird sichtbar, welche Arbeit unmittelbar Wert schafft und welche hauptsächlich aus organisatorischer Komplexität entstanden ist.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob KI Arbeitsplätze ersetzt.

Die spannendere Frage lautet:

Wie viel unserer heutigen Arbeit entsteht wirklich durch Kunden, Produkte und Probleme – und wie viel entsteht lediglich dadurch, dass große Organisationen sich selbst verwalten müssen?

Die Antwort auf diese Frage könnte die Arbeitswelt der kommenden Jahrzehnte stärker verändern als jede einzelne KI-Anwendung.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen