Warum viele Mitarbeiter aktuell bleiben – aber nicht aus Überzeugung!
Vor einigen Wochen saß ich mit einem CEO in einem Strategiegespräch. Eigentlich sollte es um Wachstum, neue Geschäftsfelder und die Planung der nächsten Monate gehen. Doch wie so oft in der Praxis landete das Gespräch schnell bei einem Thema, das derzeit viele Unternehmen beschäftigt: Mitarbeiterbindung.
Eine Leistungsträgerin hatte gekündigt. Nicht aufgrund eines Konflikts, nicht wegen eines besseren Gehalts und auch nicht wegen einer akuten Unzufriedenheit. Im Gespräch wurde jedoch deutlich, dass die Entscheidung deutlich älter war als die eigentliche Kündigung. Die Mitarbeiterin hatte den Entschluss bereits 14 Monaten getroffen und lediglich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.

Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem immer wieder. Denn er beschreibt aus meiner Sicht sehr gut, was aktuell in vielen Unternehmen passiert. Die Kündigungszahlen sind niedrig, die Teams wirken stabil und viele Führungskräfte haben das Gefühl, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt beruhigt hat. Doch genau diese Ruhe kann gefährlich sein.
„Viele Mitarbeiter bleiben derzeit nicht aus Überzeugung. Sie bleiben aus Vorsicht.“
Warum niedrige Fluktuation nicht automatisch ein gutes Zeichen ist
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten verändern Menschen ihr Verhalten. Wer täglich von Stellenabbau, Restrukturierungen, Insolvenzen oder Sparprogrammen liest, wird automatisch vorsichtiger. Selbst Mitarbeiter, die mit ihrem Arbeitgeber nicht mehr vollständig zufrieden sind, verschieben einen geplanten Wechsel häufig auf später. Das Risiko erscheint schlicht zu groß.
Dadurch entsteht in vielen Unternehmen eine scheinbar positive Situation. Die Fluktuation sinkt, die Teams bleiben zusammen und offene Stellen entstehen seltener. Für Führungskräfte wirkt das zunächst wie ein Erfolg. Tatsächlich sagt eine niedrige Kündigungsquote jedoch nur aus, dass Menschen aktuell nicht gehen. Sie sagt nichts darüber aus, warum sie bleiben.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Bleiben Mitarbeiter, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren, Entwicklungsmöglichkeiten sehen und Vertrauen in ihre Führung haben? Oder bleiben sie lediglich, weil die aktuelle Marktlage ihnen zu unsicher erscheint? Von außen betrachtet sieht beides identisch aus, langfristig sind die Auswirkungen jedoch völlig unterschiedlich.

Die stille Warteschleife vieler Arbeitnehmer
In meiner Beratung erlebe ich immer häufiger eine besondere Form der Zurückhaltung. Viele Arbeitnehmer haben ihre Wechselabsicht nicht aufgegeben. Sie haben sie lediglich verschoben. Sie beobachten den Markt, verfolgen die wirtschaftliche Entwicklung und warten darauf, dass sich die Rahmenbedingungen verbessern.
Nach außen wirken diese Mitarbeiter weiterhin engagiert. Sie erledigen ihre Aufgaben, nehmen an Meetings teil und liefern Ergebnisse. Gleichzeitig beschäftigen sie sich jedoch innerlich bereits mit Alternativen. Sie prüfen Möglichkeiten, führen erste Gespräche oder aktualisieren ihre Profile. Die eigentliche Entscheidung ist häufig längst gefallen.
Für Unternehmen ist das besonders gefährlich, weil dieser Zustand kaum sichtbar ist. Es gibt keine Kündigung, keine Eskalation und keinen offensichtlichen Konflikt. Dennoch beginnt die emotionale Bindung an das Unternehmen langsam zu verschwinden. Die Mitarbeiter sind noch da, ihre Zukunft sehen sie jedoch möglicherweise bereits woanders.
„Die gefährlichste Kündigung ist oft nicht die schriftliche. Es ist die Entscheidung, die Monate vorher im Kopf getroffen wird.“
Warum die eigentliche Kündigungswelle erst noch kommt
Viele Unternehmen betrachten die aktuelle Lage als Zeichen zunehmender Stabilität. Tatsächlich könnte sie sich jedoch als Ruhe vor der eigentlichen Bewegung herausstellen. Sobald die Wirtschaft wieder anzieht, Unternehmen offensiver einstellen und neue Projekte entstehen, werden viele Arbeitnehmer plötzlich wieder echte Wahlmöglichkeiten haben.
Dann wird sich zeigen, wie viele Menschen tatsächlich bleiben wollten und wie viele lediglich auf bessere Rahmenbedingungen gewartet haben. Die Erfahrung aus früheren Marktzyklen zeigt, dass Kündigungswellen häufig nicht während der Krise entstehen, sondern danach. In schwierigen Zeiten halten Menschen still. In guten Zeiten setzen sie um, was sie zuvor aufgeschoben haben.
Besonders problematisch ist dabei, dass oft nicht die schwächsten Mitarbeiter zuerst gehen. Häufig verlassen gerade die leistungsstarken Fachkräfte und Experten das Unternehmen. Sie verfügen über die besten Marktchancen, haben attraktive Netzwerke und finden meist schnell neue Optionen. Genau diese Mitarbeiter sind für Unternehmen jedoch am wertvollsten.
Meine Erfahrung: Die gefährlichste Haltung entsteht oft in Krisenzeiten
In einem Projekt erlebte ich kürzlich eine Situation, die mich nachdenklich gemacht hat. Ein Geschäftsführer der „alten Schule“ sagte sinngemäß zu mir:
„Jetzt hat sich das Blatt endlich wieder gewendet. Die letzten Jahre musste man auf jede Forderung der IT-Fachkräfte Rücksicht nehmen. Heute ist es wieder ein Arbeitgebermarkt. Wer gehen will, kann gehen. Ich sitze wieder am Hebel.“
Ich verstehe, woher diese Sichtweise kommt. Viele Führungskräfte haben die letzten Jahre als anstrengend empfunden. Fachkräftemangel, hohe Gehaltsforderungen, Homeoffice-Diskussionen und eine starke Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer haben bei manchen das Gefühl erzeugt, die Kontrolle verloren zu haben. Doch genau hier sehe ich ein großes Risiko.
Im weiteren Verlauf des Projekts konnte ich beobachten, wie sich diese Haltung auf die Führung auswirkte. Mitarbeitergespräche wurden seltener. Entwicklungsmöglichkeiten rückten in den Hintergrund. Feedback wurde knapper. Die Bereitschaft, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, nahm spürbar ab. Dahinter stand häufig dieselbe Überzeugung: „Kündigen wird aktuell ohnehin niemand.“ Tatsächlich kündigte zunächst auch kaum jemand.
Gleichzeitig sank jedoch die Motivation. Die Energie im Team wurde geringer. Eigeninitiative nahm ab. Menschen erledigten ihre Aufgaben, aber sie engagierten sich immer weniger darüber hinaus. Die Stimmung verschlechterte sich schleichend, ohne dass dies sofort in Kennzahlen sichtbar wurde.
Genau deshalb halte ich die Aussage „Es ist wieder ein Arbeitgebermarkt“ für gefährlich, wenn sie als Begründung für schlechtere Führung genutzt wird. Vielleicht stimmt sie kurzfristig betrachtet sogar. Vielleicht haben Arbeitnehmer aktuell tatsächlich weniger Wechselmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren.
Aber gute Führung war noch nie eine Frage der Marktlage. Gute Führung ist in jeder wirtschaftlichen Phase wichtig. In Krisenzeiten sogar mehr als sonst. Gerade dann brauchen Mitarbeiter Orientierung, Perspektiven und das Gefühl, dass sie wertgeschätzt werden. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob heute jemand kündigt. Die entscheidende Frage lautet, mit welcher Motivation die Menschen morgen zur Arbeit kommen. Ein Unternehmen gewinnt nicht automatisch, weil niemand kündigt. Es gewinnt erst dann, wenn die Menschen, die bleiben, engagiert, motiviert und leistungsbereit sind.
Wer sich allein darauf verlässt, dass Mitarbeiter aufgrund der Marktlage bleiben müssen, gewinnt möglicherweise kurzfristig Stabilität. Langfristig riskiert er jedoch genau das, was Unternehmen am dringendsten brauchen: Motivation, Engagement und echte Loyalität.
Mein Fazit
Aus meiner Sicht machen derzeit viele Unternehmen einen Denkfehler. Sie betrachten niedrige Fluktuationszahlen als Beweis für hohe Mitarbeiterzufriedenheit und starke Mitarbeiterbindung. Tatsächlich kann genau das Gegenteil der Fall sein.
Die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit sorgt dafür, dass viele Menschen geplante Wechsel verschieben. Wer Familie, Kreditverpflichtungen oder andere finanzielle Verantwortung trägt, überlegt sich einen Jobwechsel momentan deutlich genauer als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass diese Mitarbeiter langfristig bleiben wollen.
Ich glaube deshalb, dass wir die eigentliche Kündigungswelle noch gar nicht gesehen haben. Sie wird nicht während der Unsicherheit kommen, sondern mit dem nächsten wirtschaftlichen Aufschwung. In dem Moment, in dem neue Stellen entstehen, Unternehmen wieder aggressiver einstellen und Arbeitnehmer mehr Auswahl haben, werden viele aufgeschobene Entscheidungen umgesetzt werden.
Für Führungskräfte bedeutet das aus meiner Sicht vor allem eines: Die aktuelle Ruhe sollte nicht gefeiert werden. Sie sollte genutzt werden. Jetzt ist die Zeit, Mitarbeiter zu entwickeln, Perspektiven aufzuzeigen, Verantwortung zu übertragen und echte Bindung aufzubauen. Denn wenn der Markt wieder anzieht, wird sich zeigen, welche Unternehmen loyale Mitarbeiter haben – und welche lediglich von der Unsicherheit des Arbeitsmarktes profitiert haben.
Wer heute nur auf die Zahl der Kündigungen schaut, betrachtet die Vergangenheit. Wer verstehen will, wie stabil sein Unternehmen wirklich aufgestellt ist, sollte sich eine andere Frage stellen:
Würden meine besten Mitarbeiter morgen bleiben, wenn sie heute drei attraktive Angebote auf dem Tisch hätten?
Die Antwort darauf ist aus meiner Sicht die ehrlichste Kennzahl für Mitarbeiterbindung.
Image: ChatGPT