Arbeitsmarkt in der Krise: Keiner kündigt – aber wie viele haben innerlich schon gekündigt?

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Keiner kündigt – aber wie viele warten nur auf den richtigen Moment?

Vor kurzem sagte mir eine Führungskraft sinngemäß:

„Zum Glück kündigt bei uns aktuell kaum jemand. Endlich ist wieder Ruhe im Markt.“

Man merkte ihm die Erleichterung an. Nach Jahren des Fachkräftemangels, hoher Gehaltsforderungen, Homeoffice-Diskussionen und ständiger Wechselbereitschaft fühlte sich die aktuelle Lage für ihn fast wie eine Rückeroberung von Kontrolle an.

Endlich kein ständiges Nachverhandeln mehr. Endlich weniger Druck von Arbeitnehmerseite. Endlich wieder das Gefühl, als Arbeitgeber am längeren Hebel zu sitzen.

Eine Woche später kam die Mail. Eine Mitarbeiterin hatte gekündigt.

Im Gespräch danach wurde deutlich: Die Kündigung war nicht spontan. Sie war nicht das Ergebnis eines einzelnen Konflikts. Sie war auch nicht erst in den letzten Tagen entstanden.

Die Entscheidung stand schon lange fest.

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Die Mitarbeiterin hatte nur gewartet. Nicht, weil sie plötzlich besonders loyal geworden war. Nicht, weil sie sich wieder stärker mit dem Unternehmen verbunden fühlte. Sondern weil ihr ein Wechsel in der aktuellen wirtschaftlichen Lage zu riskant erschien.

Sie blieb, weil die Konjunktur schwach war. Sie blieb, weil Unternehmen vorsichtiger einstellten. Sie blieb, weil Unsicherheit am Arbeitsmarkt herrschte.

Und genau das ist der Punkt.

Viele Arbeitgeber erleben gerade niedrige Kündigungszahlen und interpretieren sie als Stärke. In Wahrheit kann dahinter etwas ganz anderes stecken: Menschen bleiben nicht, weil sie bleiben wollen. Sie bleiben, weil sie aktuell nicht gehen wollen oder nicht gehen können.

Der Arbeitgebermarkt ist kein Freifahrtschein für schlechte Führung

Natürlich hat sich der Arbeitsmarkt verändert. Die wirtschaftliche Lage ist angespannter, viele Unternehmen schauen genauer auf Kosten und Einstellungen werden vorsichtiger entschieden. In einigen Bereichen ist aus dem Arbeitnehmermarkt wieder stärker ein Arbeitgebermarkt geworden.

Manche Führungskräfte verstehen das als Einladung, wieder härter aufzutreten. Weniger Rücksicht, weniger Entwicklung, weniger Diskussion. Nach dem Motto: „Wer gehen will, soll gehen. Aktuell findet man ohnehin nicht so leicht etwas Neues.“

Kurzfristig mag diese Rechnung sogar funktionieren. Die Kündigungen bleiben aus. Die Teams bleiben formal besetzt. Die Organisation läuft weiter.

Aber das ist keine echte Stabilität. Das ist aufgeschobene Bewegung.

Wer Führung nur dann ernst nimmt, wenn Mitarbeiter jederzeit kündigen könnten, hat Führung nicht verstanden. Gute Führung ist nicht nur in Boomphasen wichtig. Sie ist besonders in schwierigen Zeiten entscheidend, weil genau dann Unsicherheit, Frust und innere Distanz entstehen.

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Volle Teams können trotzdem schwach werden

Das eigentliche Problem ist nicht nur, dass Mitarbeiter irgendwann kündigen. Das eigentliche Problem beginnt viel früher.

Wenn Menschen bleiben, obwohl sie innerlich längst abgeschlossen haben, entsteht ein gefährlicher Zustand. Die Stellen sind besetzt, aber die Energie fehlt. Die Menschen sind da, aber nicht mehr wirklich dabei. Aufgaben werden erledigt, aber selten mit Überzeugung. Veränderung wird ausgesessen. Verantwortung wird vermieden. Ideen bleiben aus.

Auf dem Papier sieht das Team stabil aus. In der Praxis verliert es an Kraft.

Genau hier liegt die Gefahr niedriger Kündigungszahlen in einer Rezession oder wirtschaftlich unsicheren Phase. Sie zeigen nicht automatisch Loyalität. Sie können auch zeigen, dass Menschen abwarten, weil ihnen der Markt gerade keine attraktive Alternative bietet.

Das Unternehmen hat dann keine gebundenen Mitarbeiter. Es hat wartende Mitarbeiter.

Die Kündigung kommt oft erst am Ende

Viele Unternehmen reagieren erst, wenn die formale Kündigung auf dem Tisch liegt. Dann ist es meistens zu spät.

Die eigentliche Kündigung beginnt häufig Monate vorher. Sie beginnt mit innerem Rückzug, sinkender Motivation und dem Gefühl, dass sich Einsatz ohnehin nicht mehr lohnt. Sie beginnt, wenn Menschen nicht mehr mitgestalten, sondern nur noch funktionieren.

Die Mail mit der Kündigung ist dann nicht der Anfang des Problems. Sie ist nur der Moment, in dem das Problem sichtbar wird.

Und genau deshalb ist die aktuelle Situation so tückisch. Viele Führungskräfte sehen keine Kündigungen und glauben, sie hätten stabile Teams. Tatsächlich sitzen in diesen Teams möglicherweise Menschen, die nur auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Meine Meinung

Ich halte es für einen gefährlichen Irrtum, den aktuellen Arbeitgebermarkt als Machtposition zu verstehen.

Ja, Unternehmen haben in manchen Bereichen kurzfristig wieder mehr Verhandlungsmacht. Ja, Mitarbeiter wechseln vorsichtiger. Ja, Kündigungen sind in unsicheren Zeiten seltener.

Aber daraus abzuleiten, dass Führung weniger wichtig wird, ist falsch.

Gerade jetzt entscheidet sich, welche Unternehmen echte Bindung aufbauen und welche nur von der Unsicherheit profitieren. Wer seine Mitarbeiter in dieser Phase schlechter führt, weniger entwickelt und weniger ernst nimmt, wird vielleicht kurzfristig weniger Kündigungen sehen. Langfristig baut er sich aber ein Team aus Menschen auf, die innerlich auf dem Sprung sind.

Und was nutzt ein volles Team, wenn die Motivation leer ist?

Echte Mitarbeiterbindung erkennt man nicht daran, dass niemand kündigt, weil der Markt schwierig ist. Man erkennt sie daran, dass Menschen bleiben wollen, obwohl sie gehen könnten.

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