Jedes Unternehmen hat sie. Den Kollegen, der in jedem Meeting die größte Bühne sucht. Die Führungskraft, die mit viel Wirbel durch die Flure läuft und am Ende doch nur einen Stapel Ordner von links nach rechts trägt. Den Dauerempörten, der in der Kaffeeküche lautstark erklärt, warum alles schiefläuft. Ich nenne sie bewusst etwas respektlos Büroclowns. Und ich behaupte: Das eigentliche Problem sind nicht die Clowns. Das Problem ist der Zirkus, den wir um sie herum gebaut haben.
Was einen Büroclown ausmacht
Ein Büroclown ist nicht einfach jemand mit Humor. Humor ist im Arbeitsalltag wertvoll, er entspannt Konflikte und hält Teams zusammen. Der Büroclown dagegen verwechselt Aufmerksamkeit mit Wirkung. Er redet viel, liefert wenig und sorgt dafür, dass sich Gespräche um ihn drehen statt um die Sache. Typisch sind drei Muster:
- Lautstärke statt Substanz: Beiträge in Meetings sind lang, pointiert und unterhaltsam, aber selten mit einem konkreten nächsten Schritt verbunden.
- Aktivität statt Ergebnis: Sichtbare Geschäftigkeit, volle Kalender und viele Mails ersetzen messbare Resultate.
- Kritik ohne Verantwortung: Alles wird kommentiert, aber niemand möchte die Aufgabe übernehmen, es besser zu machen.
Wichtig ist mir dabei eine Unterscheidung: Wir alle rutschen gelegentlich in diese Rolle. Wer gestresst ist, wird lauter. Wer sich übergangen fühlt, sucht die Bühne. Der Büroclown ist deshalb weniger eine Person als ein Verhalten, das eine Organisation zulässt oder sogar belohnt.
Warum Organisationen ihre Clowns belohnen
Hier wird es unbequem. In vielen Unternehmen wird Sichtbarkeit stärker honoriert als stille Wirksamkeit. Wer in der Führungsrunde mit einer schlagfertigen Bemerkung auffällt, bleibt in Erinnerung. Wer ein Risiko leise beseitigt hat, bevor es eskaliert, bleibt unsichtbar. Beförderungen, Projektzuschnitte und Budgets folgen allzu oft dem Eindruck, nicht der Leistung.
Aus meiner Erfahrung in Beratungs- und IT-Projekten entsteht so eine stille Rechnung: Die ruhigen Leistungsträger tragen die Last, die lauten Darsteller ernten die Anerkennung. Irgendwann ziehen die Leistungsträger ihre Konsequenzen. Entweder werden sie selbst lauter, oder sie gehen. Beides kostet das Unternehmen mehr als jeder einzelne Clown.
Der versteckte Preis des Zirkus
Der Schaden zeigt sich selten in einer einzigen Zahl. Er verteilt sich auf viele kleine Verluste: Meetings, die doppelt so lange dauern wie nötig. Entscheidungen, die vertagt werden, weil die Diskussion abgedriftet ist. Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht mehr zu Wort melden, weil sie gegen die Show ohnehin nicht ankommen. Und Gerüchte, die in der Kaffeeküche schneller wachsen als jede offizielle Information.
Besonders kritisch finde ich den Effekt auf die Kultur. Wenn Unterhaltung wichtiger wird als Klarheit, lernen Teams, dass Inszenierung sich lohnt. Neue Mitarbeitende beobachten sehr genau, welches Verhalten belohnt wird. Sie kopieren es. So reproduziert sich der Zirkus von selbst, ganz ohne bösen Willen.
Ein Beispiel aus dem Projektalltag
Ein typisches Szenario: In einem Digitalisierungsprojekt gibt es einen Teilprojektleiter, der jede Lenkungsausschusssitzung mit einer mitreißenden Präsentation eröffnet. Die Folien sind bunt, die Geschichten unterhaltsam, die Stimmung ist danach jedes Mal hervorragend. Erst nach mehreren Monaten fällt auf, dass sein Arbeitspaket als einziges seit Wochen auf demselben Fertigstellungsgrad steht. Die Kollegin aus dem Nachbarteam, die ihre Meilensteine still und pünktlich liefert, ist im Gremium dagegen kaum bekannt.
Keiner der Beteiligten hat dabei bewusst etwas falsch gemacht. Das Gremium hat schlicht das bewertet, was es gesehen hat. Genau darin liegt die Lehre: Solange nur die Präsentation zählt, gewinnt die bessere Präsentation.
Was Führungskräfte konkret tun können
Die gute Nachricht: Der Zirkus ist kein Naturgesetz. Er lässt sich mit erstaunlich einfachen Mitteln entzaubern. Mein Tipp sind vier Hebel, die ohne große Programme auskommen:
- Ergebnisse sichtbar machen: Fragen Sie in Reviews nicht „Was haben Sie gemacht?“, sondern „Was ist jetzt anders als vorher?“. Das verschiebt die Aufmerksamkeit von Aktivität zu Wirkung.
- Meetings strukturieren: Eine klare Agenda, eine feste Moderation und ein Protokoll mit Verantwortlichen nehmen der Bühne ihren Reiz. Wer reden möchte, muss einen Beitrag zum Ziel leisten.
- Kritik mit Verantwortung koppeln: Wer ein Problem benennt, darf gern einen Lösungsvorschlag mitbringen. Das ist keine Strafe, sondern eine Einladung zur Mitgestaltung.
- Die Leisen aktiv einbinden: Fragen Sie gezielt die Menschen, die bisher wenig gesagt haben. Oft liegen dort die besten Einschätzungen.
Und wenn Sie selbst der Clown sind?
Die ehrlichste Frage stellt man sich selbst. Wann haben Sie zuletzt in einem Meeting gesprochen, weil Sie etwas beitragen wollten, und wann, weil Sie gesehen werden wollten? Beides ist menschlich. Entscheidend ist, ob Sie den Unterschied bemerken.
Ein einfacher Selbsttest hilft: Notieren Sie nach dem nächsten Meeting, welche Ihrer Beiträge zu einer Entscheidung oder einem nächsten Schritt geführt haben. Wenn die Liste kurz ist, liegt darin keine Schande, sondern eine Chance. Weniger reden, präziser fragen, konsequenter liefern: Damit gewinnen Sie langfristig mehr Einfluss als mit jeder Pointe.
Fazit: Den Zirkus schließen, nicht die Clowns jagen
Büroclowns sind ein Symptom. Sie zeigen, dass eine Organisation Aufmerksamkeit höher bewertet als Ergebnisse. Wer nur einzelne Personen ins Visier nimmt, verschiebt das Problem lediglich. Wer dagegen die Regeln ändert, nach denen Anerkennung verteilt wird, entzieht dem Zirkus die Grundlage. Dann bleibt Humor, was er sein sollte: eine Würze im Arbeitsalltag, nicht dessen Hauptgericht.
In den kommenden Wochen schaue ich mir einzelne Bühnen dieses Zirkus genauer an: die Vorstandssitzung, die Kaffeeküche, den stillen Abgang und die Führungsrunde, in der am Ende alle eine rote Nase tragen.
Bildquelle: KI-generiert
