Miteinander und doch vorbei

Jubiläum bei einem mittelständischen Industrie-Zulieferer. In den Tagen vor der Firmenfeier hatte eine Anzahl von Workshops die Führungskräfte und uns als Berater gefordert. Für eine erfolgreiche Zukunft galt es viel zu verbessern. Und natürlich war Agilität ein Thema, sogar ein führendes. Aber für heute war Schluss und wir machten uns vom Hauptgebäude aus auf den Weg zu einer der Hallen, die zum Festsaal dekoriert worden war.

Auf dem Weg raunte der Produktionschef: „Ich brauche mehr Leute und mehr Budget, nur so können wir in der Fertigung besser werden. Ganz klar!“

Der Leiter Rechnungswesen parierte das mit einem Satz, den er heute schon dreimal gesagt hatte: „Ihr braucht bessere und schnellere Prozesse. Darum geht´s. Und wenn sich dann jeder dran hält, dann klappt es auch. Sonst machen deine selbstverliebten Ingenieure was sie wollen.“

Die Marketingchefin hatte eine andere Idee für ihren Produktionskollegen: „Bilde doch auch crossfunktionale Teams, da lassen sich einseitige Interessen einhegen und die Mitarbeiter fokussieren sich auf die Gesamtaufgabe und den Kundennutzen.“

„Cross-funk-ti-o-nal?“, sagte Rechnungswesen gedehnt. „Du meinst wie bei der Organisation unserer Feier, ja?“ Sein gerecktes Kinn ging nach vorne. „Dann schau dir mal das Chaos an.“ Noch halb auf dem Hof blieb unser kleiner Trupp stehen.

Um den Ausgabetresen für die Namensschilder herum drängten immer mehr Menschen in die Halle. In wenigen Minuten sollte hier eine rauschende Feier für einige hundert Mitarbeiter beginnen, aber offenbar gab es Schwierigkeiten.

Leute fanden keine Plätze oder wollten in ihren Abteilungen zusammensitzen. Auf der Bühne werkelten Techniker, um der Dissonanzen aus den Lautsprechern Herr zu werden und in einem Teil der Halle ließ sich das Neonlicht nicht ausschalten und sendete fischiges Blau zur Erde.

„Prozesse sag ich nur. Prozesse, Prozesse und nochmals Prozesse. Und sowas muss man vorher testen.“ Für Rechnungswesen war der Fall klar.

„Das Orga-Team hat getestet“, sagte die Marketingleiterin mit einem Hauch an Irritation, aber wie es aussah war ein voller Saal was anderes als ein leerer. Ein Fehler, den das Team nicht berücksichtigt hatte. Aber wenn die Leute die richtigen waren, dann würden sie das Problem in den verbleibenden Minuten lösen. Schließlich ging es nur um Licht und Lautsprecher und nicht um die Weltformel.

Der Inhaber war von hinten herangekommen und nahm seine Leitungskräfte ins Gebet. „Was quatscht ihr hier rum? Geht zu euren Leuten und kümmert euch! Die Sitzplätze sind extra bunt gemischt, damit sich die Leute auch mal über den Tellerrand mit anderen Kollegen unterhalten können. Habt ihr das euren Mitarbeitern nicht gesagt?“

Mehr oder weniger nicht, wie ich an den Gesichtern der drei Leiter ablesen konnte.

Dann zog der Inhaber mich am Ärmel  zur Seite und ich machte mir eine Gedankennotiz.

Wer hatte hier recht?

Alle – und zwar aus ihrer jeweiligen Perspektive!

In der Welt des Rechnungswesens sind eingeschwungene Prozesse das A und O des Funktionierens. Es gibt Gesetze, Regeln, Vorschriften und meistens nur eine Lösung. Die Abläufe lassen sich als Best Practices festlegen und dokumentieren.

Produktion erlebt seine Umgebungswelt kompliziert, vielleicht manchmal komplex. In der Auftragsproduktion ließen regelmäßige Änderungswünsche von Kunden oder Anforderungen aus dem Vertrieb die Prozesse beständig aus dem Takt geraten und störten die Pläne. Und für die Erarbeitung echter Innovationen fehlte schlicht die Zeit. Das waren wichtige Punkte auf dem vorangegangenen Workshop gewesen.

Auch Marketing konnte ein Lied davon singen, müssen hier doch die Interessen diverser Stakeholder unter einen Hut gebracht werden, die alle mitreden wollen. Und nur zu oft beschweren sich die besten Mitarbeiter darüber, sich mehr mit Interna als mit den Kunden und dem Wettbewerb zu beschäftigen.

Der Inhaber erlebte ein situatives Chaos und musste schnell darauf reagieren: „Tut was ich euch sage!“, ist die angemessene Reaktion darauf.

Das Problem bestimmt den Lösungsweg

Tatsache ist, dass alle Umgebungswelten einfach-kompliziert-komplex-chaotisch gleichzeitig in Unternehmen existieren. Mitarbeiter und Führungskräfte, die in den jeweiligen Umgebungen sozialisiert wurden, haben unterschiedliche Sichtweisen für Probleme und auch unterschiedliche Kompetenzen entwickelt, sie zu lösen. So wie in diesem kleinen Fall. In einfachen Umgebungen mit wiederkehrenden Problemen und bekannten Variablen und Lösungen sind genaue Prozessbeschreibungen die Mittel der Wahl. Rechnungswesen, Auftragsbearbeitung, die Abläufe in Werkstätten oder Kreditvergaben seien nur als Beispiele genannt. Das Chaos hingegen kann nur mittels „Befehl und Gehorsam“ aus dem Stand heraus gemanagt werden.

Agile Führung und Organisation bewährt sich vor allem in komplizierten und komplexen Problemlagen, wenn man sich in der Welt der unbekannten Variablen und der Nichtvorhersehbarkeit von Ereignissen bewegt und die richtige Lösung quasi nur „unterwegs“ und in kleinen Schritten erarbeiten kann. Also in jener Welt, in der digitale Schübe neue Produkte generieren, Kundenerwartungen sich verändern und ganz neue Konkurrenten auftauchen. Und das wird für immer mehr Firmen der Normalfall. In solchen Problemlagen versagen vorgefertigte Prozesse. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Unternehmensspitzen sein, darauf organisatorisch, ausbildungsmäßig und hinsichtlich der Personalauswahl zu reagieren. Schauen gerne mal auf Homepage des Autors. Mehr unter www.anderskom.de

-Ende- 

Andreas Karutz
Autor

Als Agile Management Coach berät Andreas Karutz mittelständische Unternehmen im Aufbau agiler Strukturen und der Einführung agiler Arbeitsweisen für alle Unternehmensbereiche. Der Diplom Kaufmann bringt mehr als 25 Jahre Führungsleistung in Konzernen und Mittelstand mit und ist Gründer des Berater-Netzwerks anderskom, in das sich fachliche Spitzenkräfte mit unterschiedlichen akademischen und beruflichen Hintergründen einbringen. anderskom sorgt für eine beherrschte Transformation in einem soliden betriebswirtschaftlichen Rahmen. Andreas Karutz hat mehrjährige Expertise mit selbstorganisierten Teams, agilen Methoden und Change Prozessen. Er trainiert Geschäftsführer, Führungskräfte und Spezialisten in der Beseitigung von Hürden. Aus der Praxis - für die Praxis! Mehr unter www.anderskom.de

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