Ich forsche in meiner Promotion mit Fokus auf KMU und oft werde ich gefragt, was eigentlich der Unterschied ist und warum KMU separat erforscht werden müssen. Auch tauschen sich viele gerne mit mir über den Mittelstand 4.0 aus und fragen sich, warum ich meine Artikel teilweise stark nach KMU und Großunternehmen trenne. Darauf möchte ich gerne nun eine Antwort geben.

Merkmale von KMU

Die gesamte deutsche Unternehmenslandschaft wird vorwiegend durch kleine und mittlere Unternehmen (99,3% aller Unternehmen sind KMU in Deutschland) dominiert, die aufgrund ihrer Innovationsfähigkeit und Erfahrung eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft sind. KMU unterteilen sich laut der Definition der EU (IfM Bonn 2018) in drei Kategorien:

  • Kleinstunternehmen (bis 9 MA und 2 Mio. Euro Umsatz)
  • Kleine Unternehmen (bis 49 MA und 10 Mio. Euro Umsatz)
  • Mittlere Unternehmen (bis 249 oder 499 MA und 50 Mio. Umsatz)

Es finden sich zwei Definition. Meine Erfahrung sagt, dass sich viele Unternehmen bis 499 MA selbst noch als KMU zählen. Insgesamt ist der Begriff KMU und Mittelstand erstmal das Gleiche. Weiterhin sind die meisten Kleinstunternehmen eher traditionelle Betriebe mit Fokus auf Handwerk wie Schreiner etc. sind. Auch kleine und mittlere Unternehmen sind vorwiegend Produktionsbetriebe und denken über die Vision der Industrie 4.0 nach. Eine kleine Anzahl sind Softwarehäuser und Consultingunternehmen, welche wissensintensive Dienstleistungen anbieten. Diese Verteilung kann täuschen. Zwar sind die meisten Unternehmen Kleinstbetriebe, allerdings ergibt sich bei der Beschäftungsrate ein ganz anderes Bild.

KMU Verteilung
KMU Verteilung in Deutschland (Quelle: Destatis)

Besonderheiten von KMU und Großunternehmen

Doch was unterscheidet KMU eigentlich genau von Großunternehmen? Auf der einen Seite grenze ich diese gerne ab, dass diese ein geringes Budget als Großunternehmen besitzen und oft eine langfristige Planung und nachhaltige Strategie verfolgen. Weiterhin sind diese oft in einer Nische vertreten und haben eine hohe Expertise, welche auf langjährigen Mitarbeitern aufbaut. Auch sind diese meist durch kürzere Entscheidungswege flexibler und finden sich in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Wandel wieder. Eine weitere Unterscheidung hat Dr. Winfried Felser in einem Artikel vorgenommen. So stellt er Großunternehmen und KMU gegenüber. Ich habe Teile seiner Tabelle übernommen und werde diese kurz erklären.

Limitierung: Einige Punkte in der Tabelle klingen etwas hart bzw. könnten negativ aufgefasst werden. Allerdings ist das nicht der Fall. Beispielsweise: “fern vom Kunden”. In Großunternehmen gibt es viele interne Themen, welche ab einer gewissen eben nötig sind. Auch ist eine längere Abstimmung bei vielen Stakeholdern und Mitarbeitern einfach notwendig. Ich möchte in jedem Fall limitieren, dass dies nicht negativ auszulegen ist.

KMU-grosskonzerne
KMU und Großkunternehmen (Idee von Dr. Winfried Felser)

So zeigt sich, dass in Großunternehmen oft mehr Budget vorhanden ist und die Unterstützung von Change oft durch ein spezielles Fokusteam vorgenommen wird. In KMU ist dagegen ist das Geld oft knapp und die Mitarbeiter müssen die Changearbeiten neben dem Tagesgeschäft stemmen. Auch haben Großunternehmen die Möglichkeit Beratungsleistungen einzukaufen, welche in KMU aufgrund des geringen Budget nur wenig nutzen. Es findet sich in KMU oft eine viel höhere Orientierung auf das Tagesgeschäft, da dieses Umsatz und Gewinn einbringt.  Dies bedingt auch, dass es wenig interne Themen gibt. (Beispiel: Großunternehmen hat eine Datenschutzabteilung – KMU hat oft nur Datenschutzbeauftragten, welcher neben dem Tagesgeschäft diese Tätigkeit durchführt).

Auch sind in KMU alle Mitarbeiter nah am Kunden (Tagesgeschäft) und sogar oft vor Ort beim Kunden. Aufgrund des oft kurzen Drahts zum Geschäftsführer (speziell bei inhabergeführten Unternehmen) werden Entscheidungen oft schnell getroffen und auch umgesetzt. Der Fokus liegt oft auf eine nachhaltige Strategie und den Erhalt von Umsatz. In Großunternehmen findet sich dagegen eher eine Strategie abhängig vom aktuellen Vorstand, welcher sich mit vielen Gremien abstimmen muss.

Digitalsierung und Agilität in KMU

In meiner Promotion habe ich KMU auf den Unterschied in der Agilität und der Digitalisierung geprüft. Es finden sich zahlreiche Fallstudien zur Digitalisierung, wie von von Arbussa et al. (2017) als auch Untersuchungen zu Potentialen des digitalen Wandels wie z.B. Datenanalysetools (O’Connor und Kelly 2017). Wie bereits von Lindner und Leyh (2018) festgestellt, wird dabei  auf das geringere Budget sowie die Tatsache, dass KMU oft weniger digitalisiert sind als Großunternehmen. Es findet sich deswegen laut der beiden Autoren oft eine zentralisierte und eher unflexible IT in KMU, welche aufgrund des geringeren Budgets allerdings oft schrittweise und langsam aufgebaut wird (Essers und Vaneker 2016).

Zum Thema Agilität finden sich auch zahlreiche Beiträge. Lindner und Leyh (2018) stellen dazu folgendes fest: Klar ist, dass KMU oft als agiler und flexibler aufgrund der geringen Größe und der oft kürzeren Entscheidungswege gesehen werden (Arbussa et al. 2017). Jedoch gilt in KMU eins: rasantes Wachstum, welches  diese Flexibilität und Agilität mindern kann. So wird Agilität im Kontext des Wachstums untersucht. Autoren wie Branicki et al. (2017) sprechen von der Erhaltung des sogenannte „Entrepreneurial Spirit“ oder Autoren wie Ng und Kee sprechen von einer PostAgilität bei gewachsenen KMU.

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Fazit

KMU gibt es zahlreich in Deutschland und sie dominieren die deutsche Unternehmenslandschaft. Sie zeichnen sich durch geringe Budgets, kürze Entscheidungswege eine just do it Mentalität aus. Auch sind sie oft Player in einer Nische und haben ein langfristiges Denken und nachhaltige Strategie, welche auf langjährige Mitarbeiter aufbaut. KMU gelten grundlegend als agiler als Großunternehmen und aus Sicht der Digitalisierung eher rückschrittlicher, was oft am geringen Budget liegt.

Ich finde die Untersuchung von KMU sehr spannend und glaube, dass speziell KMU noch viel mehr an Bedeutung gewinnen werden. Da ich selbst seit Beginn meiner Karriere (3 Jahre) in KMU arbeite, kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen, dass es wirklich eine Empfehlung wert ist, neben dem Großunternehmen auch auf KMU zu schauen.

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Verwendete Quellen anzeigen

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https://www.ifm-bonn.org/definitionen/kmu-definition-des-ifm-bonn/

Arbussa, A., Bikfalvi, A., & Marquès, P. (2017). Strategic agility-driven business model renewal: the case of an SME. Management Decision, 55(2), 271–293. https://doi.org/10.1108/MD-05-2016-0355

Branicki, L. J., Sullivan-Taylor, B., & Livschitz, S. R. (2017). How entrepreneurial resilience generates resilient SMEs. International Journal of Entrepreneurial Behavior & Research. https://doi.org/10.1108/IJEBR-11-2016-0396

Essers, M. S., & Vaneker, T. H. J. (2016). Design of a decentralized modular architecture for flexible and extensible production systems. Mechatronics, 34, 160–169. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/j.mechatronics.2015.08.009

Ng, H. S., & Kee, D. M. H. (2017). Entrepreneurial SMEs Surviving in the Era of Globalisation: Critical Success Factors. In Global Opportunities for Entrepreneurial Growth: Coopetition and Knowledge Dynamics within and across Firms (pp. 5–75). Emerald Publishing Limited. https://doi.org/doi:10.1108/978-1-78714-501-620171007

O’Connor, C., & Kelly, S. (2017). Facilitating knowledge management through filtered big data: SME competitiveness in an agri-food sector. Journal of Knowledge Management, 21(1), 156–179. https://doi.org/10.1108/JKM-08-2016-0357

https://www.xing.com/news/insiders/articles/in-einem-tag-in-richtung-business-4-0-und-dann-am-besten-noch-fur-den-mittelstand-1178358

Der Beitrag von Lindner und Leyh (2018) befindet sich aktuell in der Veröffentlichung und kann ab Juli gelesen werden.

 

Autor

Externer Doktorand an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management. Ich untersuche wie sinnvoll skalierte Agilität im Zuge des digitalen Wandels zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen kann. Neben der Promotion arbeite ich Vollzeit in einem Unternehmen.

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